BARßEL - Auf dem Tisch liegen Aktenordner und zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos. Die Barßelerin Renate Schmitter-Schroedter blättert in den Akten. Die Dokumente sind Belege eines jahrzehntelangen Kampfes der heute 82-Jährigen um das Erbe ihrer im Alter von 78 Jahren verstorbenen Tante Maria Hees, die 1980 unter mysteriösen Umständen in Buenos Aires starb; und ein Millionenvermögen hinterließ.
Schmitter-Schroedter und ihre Schwester Ulla Bokel waren als Nichten die einzigen legitimen Erben des Vermögens. Durch den Heiratsschwindler Juan del Re, der kurz vor dem Tod der Tante eine Ehe mit Maria Hees fingiert hat, sind wir Nichten bis heute um unser rechtmäßiges Erbe gebracht, sagt sie.
Der Fall Maria Hees liest sich wie ein Krimi: In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts war Maria Hees von Bergisch-Gladbach als junge Frau nach Argentinien ausgewandert, um dort als Erzieherin bei einer deutschstämmigen Familie zu arbeiten.
In Buenos Aires lernt sie dann den wesentlich älteren deutschstämmigen Reeder, Papierfabrikanten, Galeristen und Kunstsammler Bruno John Wassermann kennen. Beide heiraten. Aber die Ehe bleibt kinderlos.
Wassermann, jüdischer Abstammung, gehört in den 1930er Jahren zu den wohlhabendsten Unternehmern in Buenos Aires und verfügt über einen großen Immobilienbesitz und eine Kunstsammlung mit Gemälden von Albrecht Dürer, Peter Breughel und Peter Paul Rubens. 1940 stirbt der Fabrikant und hinterlässt seiner Frau ein geschätztes Vermögen von heute umgerechnet 13 Millionen Euro.
1942 heiratet Maria Hees erneut in Argentinien. Dieses Mal den italienischen Botschafter Umberto Guasoni. 18 Jahre später ist sie wieder Witwe. Umsorgt von einer Haushälterin lebt sie in der Luxuswohnung in Buenos Aires. Jahre später nimmt sie den Jura-Studenten Enrique Aravski bei sich auf.
Über ihn lernt sie 1976 Juan del Re kennen. Der elegant gekleidete Italiener mit amerikanischem Pass gibt sich als italienischer Graf und Bekannter ihres verstorbenen Mannes Umberto Guasoni aus. In Wirklichkeit aber ist del Re ein 1961 eingewanderter Schuster. Meine gutgläubige Tante erlag dem Charme des Gigolos und merkte nicht, welches falsche Spiel er spielte, erinnerte sich Renate Schmitter-Schroedter heute noch genau.
Del Re und sein Bekannter Aravski, dem beste Beziehungen zur damaligen Junta nachgesagt werden, vergraulen den Vermögensverwalter der Deutschen, und kümmern sich um das Vermögen. Maria Hees wird schwer krank. Sie leidet an Arteriosklerose.
Sie spürt, das Unheilvolles vor sich geht. Sie schreibt Briefe an ihre Nichte Ulla Bokel. Sie ist verzweifelt und bittet die Verwandten um Hilfe.
Dann, eines Abends im Jahr 1980, brechen maskierte Männer in die Wohnung von Maria Hees ein. Sie drängen die Haushälterin in die Küche. Die Angestellte hört einen Schrei, dann flüchten die Männer. Einer von ihnen wirft noch hastig eine Injektionsspritze zur Seite. Bei der Vernehmung durch die Polizei gibt die Haushälterin später an, dass sie unter einen der Kapuzenträger Juan del Re erkannt haben will. Maria Hees aber ist tot und wird später auf einem Armenfriedhof verscharrt.
Als Hees Nichte Ulla Bokel in Buenos Aires kurze Zeit später eintrifft, findet sie nur die versiegelte Wohnung vor. Der Verdächtige Juan del Re wurde auf Veranlassung eines Junta-Offiziers und des Wirkens seines Anwalts Dr. Mafia, dem ebenfalls gute Beziehungen zur Junta nachgesagt werden, freigelassen, berichtet Renate Schmitter-Schroedter. Als Ulla Bokel bei der argentinischen Polizei vorstellig wird, gibt man ihr zu verstehen, dass ihre Sicherheit auf dem Spiel steh, wenn sie sich weiter in den Fall einmische.
Und es kommt noch schlimmer für die Nichten Ulla Bokel und Renate Schmitter-Schroedter: Aufgrund einer fingierten Fernehe, die Maria Hees in Paraguay kurz vor ihrem Tod mit Juan del Re geschlossen haben soll, wird der Ehemann Erbe der Millionen.
Die Nachforschungen der Nichten ergeben, dass die Fernehe in Paraguay, die del Re vorgibt, nie beurkundet wurde. Schmitter-Schroedter: Und eine besondere Rolle in diesem Fall spielt die Deutsche Botschaft in Buenos Aires und dort der damalige Botschaftssekretär Armin S.
Fingierte Ehe
Als es wegen des Erbes zum Prozess kommt, gibt er vor, die Dokumente aus Deutschland, die das Verwandtschaftsverhältnis von Hees zu ihren Nichten belegen, nicht erhalten zu haben. Später schickt Armin S. Teile der zuvor angeblich nicht erhaltenen Unterlagen nach Deutschland zurück.
Statt sich um unsere Interessen zu kümmern, unterstützte der Botschaftssekretär den Schwindler del Re, der sich von dem damals einflussreichen Anwalt Dr. Mafia vertreten lässt und legalisiert eine Sterbeurkunde mit dem ungeprüften Zusatz verheiratet mit Juan del Re, erzählt die Nichte.
Laut Renate Schmitter-Schroedter erhält Ulla Bokel auch noch einen Anruf des Botschaftssekretärs mit der Aufforderung, nichts gegen die Beurkundung von del Re als rechtmäßigen Eben zu unternehmen und eine Liste mit den Gemälden aus dem Nachlass der Tante an den Botschaftssekretär persönlich zu schicken.
Der setzt sich später auch vergeblich dafür ein, dass der Ehebetrüger auf ein Konto der Verstorbenen in Deutschland zugreifen kann.
Ich vermute, dass del Re den Botschaftssekretär bestochen hat, so die Barßelerin. Möglicherweise wurde auch die argentinische Justiz mit Schweigegeldern von Anwalt Dr. Mafia ruhig gestellt. Die Barßelerin glaubt, dass auch hochrangige Mitglieder der Junta ihre Finger nach den Kunstschätzen und Immobilien der Deutschen ausgestreckt hatten. Mit denen wollte sich damals keiner in der Botschaft anlegen, vermutet die 82-Jährige.
Doch anders als wohl vom Botschaftssekretär erwartet, geben die beiden Schwestern nicht klein bei. Sie wenden sich ans Auswärtige Amt und berichteten über die Amtsverletzungen des Botschaftssekretärs Armin S.. Ohne Erfolg.
Nun hat Renate Schmitter-Schroedter einen erneuten Anlauf genommen und einen Brief an Ministerpräsident McAllister geschrieben.
Brief an McAllister
Der kümmerte sich und verwies die Angelegenheit an die Staatsanwaltschaft in Oldenburg. Wir ermitteln nun gegen del Re und werden bei der Justiz in Argentinien ein Rechtshilfeersuchen beantragen. Die Rolle des Botschaftssekretärs wird die Staatsanwaltschaft in Berlin untersuchen, da das Auswärtige Amt seinen Sitz in Berlin hat, sagt Sprecher Rainer du Mesnil de Rochemont. Der mögliche Betrugsfall sei verjährt, nur eine eventuelle Mordtat könne verfolgt werden.
Die Akte Maria Hees hat er kopiert und an die Berliner Staatsanwaltschaft geschickt, die sich nun um die Rolle des damaligen Botschaftssekretärs kümmert. Für die Justiz ist der kein Unbekannter. Er wurde während seiner Dienstzeit in einem anderen Fall wegen Betruges und Untreue zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
