Neustadtgödens - Mehrmals muss Michael Clemens in seinem Vortrag eine Pause einlegen, weil ihm die Schilderungen einer Augenzeugin des Massakers im Minsker Ghetto schlichtweg die Sprache verschlagen. Mit stockender Stimme berichtet er, was die Überlebende unfassbarer Gräueltaten mit ansehen und erleiden musste. Wie Frauen und Kinder, junge Männer und Greise zusammengeknüppelt, verstümmelt und erschossen, vergewaltigt oder in Gaskammern getrieben und ermordet wurden.
„In tiefer Trauer, Scham und Abscheu verneigen wir uns im ehrenden Gedenken an die Opfer der faschistischen Terrorherrschaft“, sagte Clemens in der ehemaligen Synagoge Neustadtgödens.
Zum Gedenken an das Novemberpogrom von 1938 hatte der Heimatverein Gödens-Sande wieder in die ehemaligen Synagoge eingeladen, vor dem Gebäude ein Gesteck abgelegt und eine Kerze entzündet. Drinnen wurde der Opfer gedacht und an die Geschehnisse erinnert, mit denen nach anfänglicher Ausgrenzung die systematische Ausrottung der Juden in Europa begann.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren 18 jüdische Neustadtgödenser aus ihren Häusern getrieben und festgenommen worden, berichtet Clemens. Von Zeitzeugen hatte er Details zu den Geschehnissen erfahren.
Die Synagoge in Neustadtgödens, die 1852 ihrer Bestimmung übergeben wurde, ist eine der wenigen, die den Brandsturm von 1938 fast unbeschadet überstanden haben. Zwei Jahre zuvor war sie für baufällig erklärt und an einen Unternehmer aus Wilhelmshaven verkauft worden. Der nutzte die Synagoge als Lager für Farben, Lacke und Chemikalien. Die Schergen der Nationalsozialisten wussten davon und verschonten das Gebäude, weil sie Explosionen und einen Großbrand fürchteten.
Michael Clemens geht nach neuesten Recherchen davon aus, dass mindestens 50 in Neustadtgödens lebende oder hier geborene Juden den Tod in den Konzentrationslagern fanden, darunter acht im Ghetto von Minsk. Alle 50 Namen verlas er am Ende der Gedenkstunde. Michael Clemens berichtete über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Neustadtgödens und ihre Entwicklung bis zum Novemberpogrom und darüber hinaus. In Zitaten ließ er Zeitzeugen zu Wort kommen, die über die Geschehnisse in Neustadtgödens und Foltermethoden in den Konzentrationslagern berichteten.
Und er berichtete von der viel zu milden Sühne, als man Tätern Ende der 40-er Jahre den Prozess machte. Viele von ihnen bekamen nur wenige Monate Haftstrafen und läppische Geldstrafen wegen Landfriedensbruchs. Taten wurden Tätern, die zwischenzeitlich verstorben waren, zugeschoben.
Von den vertriebenen Juden kehrten nur vier nach dem Krieg nach Neustadtgödens zurück. Sie lebten dort bis in die 1970- und 80-er Jahre und sind auf dem jüdischen Friedhof an der Straße nach Gödens bestattet.
