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NWZonline.de Nachrichten Politik

65. Geburtstag: Neun Mosaiksteine zu Merkel

17.07.2019

Berlin Die Bundeskanzlerin ist durchaus kritisch. „Ich spüre eine gewisse Anerkennung dafür, dass ich versuche, meine Arbeit ordentlich zu machen, aber ich erzeuge bei anderen auch viele negative Emotionen“, sagte Angela Merkel zu Jahresbeginn in einem bemerkenswerten Interview in der „Zeit“. Das klingt schonungslos und ehrlich mit sich selbst.

65 Jahre wird Angela Merkel an diesem Mittwoch. Feiern? Fehlanzeige! Die Kanzlerin arbeitet. Am Morgen tagt das Kabinett. So ist sie, die Kanzlerin. Ihre Bewunderer schätzen sie für ihre Flüchtlingspolitik, das Streiten für eine offene Gesellschaft und den Einsatz für Multilateralismus. Aus denselben Gründen mosern ihre Kritiker. Merkel stellte dazu einmal fest: „Ich glaube, dass man als Politiker einstecken können muss, dass man diesen Beruf nur ausüben kann, wenn man nicht zu schnell getroffen ist. Man muss sich auf die Sachaufgaben konzentrieren. Den Rest nehme ich zu Kenntnis.“ Es gibt viele Bilder der Kanzlerin. Ein Mosaik:

1 Die Frau aus dem Osten

Es ist eine deutsch-deutsche Geschichte. Geboren 1954 in Hamburg wächst Merkel in der DDR auf. Ihr Vater, ein Pastor, geht in den Osten, um bedrängten Christen dort beizustehen. Merkel gewinnt als Schülerin den Russisch-Wettbewerb des Landes, studiert später Physik.

In ihrer Rede im Mai dieses Jahres an der US-Universität Harvard erinnert sie sich: „Ich wohnte in der Nähe der Berliner Mauer.“ Auf dem Heimweg sei sie täglich Richtung Mauer gelaufen. „Und jeden Tag musste ich im letzten Moment abbiegen. Jeden Tag musste ich kurz vor der Freiheit abbiegen.“ Bis die Mauer 1989 schließlich fällt.

Vor allem in den USA lieben sie diese Geschichte vom Triumph der Freiheit. Merkel ist aber auch vom Niedergang der DDR geprägt. Staaten können untergehen, Ordnungen versinken. Das Bestehende ist nicht gewiss. Vielleicht erklärt das ihr stetes Drängen auf Reformen.

2 Kohls Mädchen

Angela Merkel kommt in der Wendezeit 1989 eher zufällig in die Politik. 1990 wird sie Vize-Sprecherin der ersten freigewählten DDR-Regierung. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) entdeckt die Frau im Umfeld von DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière, macht sie erst zur Umwelt-, dann zur Familienministerin. Merkel ist Kohls Mädchen.

Sie wird diesen Titel los mit jenem Gastbeitrag 1999 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in dem die damalige CDU-Generalsekretärin eine radikale Aufklärung der Spendenaffäre ihrer Partei fordert. Kohl habe sich „über Recht und Ordnung gestellt“, schreibt Merkel. Andere hätten wohl eher taktiert. Merkel handelt und emanzipiert sich vom Kanzler der Einheit.

Die erste abrupte Wende im politischen Leben Merkels. Weitere sollten folgen. Der CDU-Spendenskandal fegt 2000 auch Wolfgang Schäuble als Parteichef hinweg. Ihm folgt Angela Merkel als CDU-Vorsitzende.

3 Allein unter Männern

Wolfgang Schäuble ist immer noch da. (Die Kanzlerin besucht mit ihm sogar das Kino. Titel des Films: „Ziemlich beste Freunde“.) Friedrich Merz ist zurück. Doch auch sie zählen wie Karl Theodor zu Guttenberg, Edmund Stoiber, Günther Oettinger zur Liste der Männer, die Merkel ins Abseits gedrängt hat. „Schon als Physikstudentin habe ich Männer an der Uni als sehr dominant erlebt. In der Politik hat sich das noch mal ganz anders dargestellt“, sagt Merkel. Sie hat gelernt, sich durchzusetzen. 2005 kommt Merkel ins Kanzleramt.

4 Die Klimakanzlerin

„Die kann es nicht“, schallt ihr von Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) entgegen. Doch sie findet schnell in das schwierige Amt. Schon beim G8-Gipfel im russischen Petersburg – fast auf den Tag vor 13 Jahren – stellen Beobachter erstaunt fest: Merkel fremdelt überhaupt nicht zwischen den Großen der Welt.

Merkel macht das Klima zu ihrem Thema. Ikonisch wird das Bild der Kanzlerin in Outdoor-Jacke auf Grönland. Doch das Engagement schwindet. Merkel revidiert den rot-grünen Beschluss zum Atomausstieg, um nach dem Atomunfall in Fukushima erneut umzuschwenken: die Energiewende – nicht die letzte Wende der Kanzlerin.

5 Das lernende System

Angela Merkel ist seit jeher keine, die mit großem Flair und großer Geste, auch nicht mit großer Vision auftrat. Das überließ sie immer anderen, wie etwa ihrem langjährigen französischen Kollegen Nicholas Sarkozy. Sie ist eher die Politikerin der beharrlichen kleinen Schritte. Geduld, Stehvermögen und ein großes Lernvermögen sind es, die ihr Freunde und Gegner gleichermaßen bescheinigen. Ein Beispiel dafür war die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009.

6 Die Retterin des Euro

Die Finanzkrise erwischt Deutschland 2008. Die Große Koalition handelt unorthodox. Die Abwrackprämie für Alt-Wagen hält die wichtige Autoindustrie über Wasser, gemeinsam mit Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) garantiert sie den Sparweltmeistern in Deutschland die Sicherheit der Bankeinlagen. Deutschland kommt vergleichsweise milde durch die Finanzkrise.

Andere Länder trifft es härter. Griechenland, Spanien, Portugal, Irland, Zypern – nacheinander fliehen die Staaten unter den Euro-Rettungsschirm. Die Länder im Süden ächzen unter Merkels Sparauflagen, in Deutschland murren nicht nur konservative Wirtschaftsprofessoren gegen die Milliarden für Athen. 2013 scheitert die AfD nur knapp am Einzug in den Bundestag. Rechts von der Union formiert sich eine neue Kraft.

Im Sommer 2015 hält Merkel Griechenland im Euro, entgegen des Rats ihres Finanzministers Schäuble. „The indispensable European“ titelt der „Economist“ – Die unverzichtbare Europäerin. „Die gefährlichste Frau Europas“ sieht „The New Statesman“. Euroretterin im Norden, Sparkanzlerin im Süden. Das Bild bleibt geteilt.

7 Die Flüchtlingspolitik

Mitten im Ringen um die Eurorettung hält die Kanzlerin nach einem EU-Gipfel im Juni 2015 eine denkwürdige Pressekonferenz. Die EU „steht vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte“, sagt Merkel. Es geht nicht um Griechenland, sondern um die Flüchtlinge. Die Kanzlerin schaute weiter als viele in der deutschen Öffentlichkeit.

Im September öffnet Merkel die Grenzen. Das Ausland feiert sie dafür, im Inland tobt nicht nur die CSU-Spitze. „Das sind keine Entscheidungen, die am Reißbrett entstehen, sondern Antworten auf das reale Leben“, sagt Merkel später. „Wir schaffen das“, sagt die Kanzlerin so mutig wie trotzig. Aber wie wir das schaffen – diese Frage beantwortet sie nicht. Das Erklären ist nicht die Sache der Kanzlerin. „Das zerrissene Land“, titelt der „Stern“. Das Magazin „Time“ kürt Merkel zur Person des Jahres und erhebt sie zur „Kanzlerin der freien Welt“. Merkel polarisiert.

8 Die Streiterin für Multilateralismus

Es gibt diesen einen Tweet vom G7-Gipfel im Vorjahr in Kanada: Merkel bietet US-Präsident Donald Trump die Stirn. Ihre Rede in Harvard ist so etwas wie ihr Vermächtnis. Trumps Vorgänger Barack Obama hat Merkel die Bühne bereitet. Nach der russischen Annexion der Krim wünscht er, dass Merkel die Verhandlungen mit Russlands Staatschef Wladimir Putin führt. Merkel verhandelt gemeinsam mit dem damaligen französischen Präsidenten François Hollande. Merkels Aufstieg zur Anführerin der freien Welt beginnt vor der Eurokrise. „Eine Frau, um sie alle zu zähmen“, titelt der „Economist“. Doch Macht ist vergänglich. Das zeigt das jüngste EU-Personalpaket. Längst führt Hollandes Nachfolger Emmanuel Macron Regie in Europa. Es kommt der Herbst der Macht.

9 Der lange Abschied

2018 zieht sich Merkel vom CDU-Vorsitz zurück. Den Rückzug vom Kanzleramt kündigt sie für 2021 an. „Ich strebe kein weiteres politisches Amt an“, sagt sie über den möglichen Wechsel auf die internationale Ebene. Für Spekulationen sorgen zuletzt Zitteranfälle in der Öffentlichkeit. Die Kanzlerin macht einfach weiter. Ihre Anhänger setzen auf ihr Durchhaltevermögen. So ist sie. Unbeirrbar.

Gernot Heller Korrespondentenbüro Berlin
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