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NWZonline.de Nachrichten Politik

Nicht nur eine „kleine Clique“

18.07.2019

Berlin Demokraten im heutigen Sinne findet man nur sehr wenige unter den Männern und Frauen, die im Widerstand gegen Adolf Hitler ihr Leben riskiert haben. Vor allem in bürgerlichen Kreisen, im Adel und unter den Offizieren der Reichswehr gab es viele, die mit den neuen Machthabern zunächst auch Hoffnungen verbanden – etwa mit Blick auf die Überwindung des ungeliebten Vertrags von Versailles.

Als Verräter angesehen

Darüber, ob die Angehörigen des militärischen Widerstandes heute trotzdem zum Vorbild taugen oder nicht, ist jetzt – 75 Jahre nach dem misslungenen Attentat im Führerhauptquartier Wolfsschanze – eine neue Debatte entbrannt. Befeuert wird dieser Streit von mehreren neuen Publikationen, die sich vor allem mit der Motivation von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auseinandersetzen, dem Oberst der am 20. Juli 1944 einen Sprengsatz zündete, um Hitler zu töten. Ging es Stauffenberg darum, eine bedingungslose Kapitulation zu verhindern oder gar um die eigene heroische Tat? Handelte er aus religiöser Überzeugung und Verantwortungsgefühl?

Das Attentat misslang. Der Diktator überlebte. Stauffenberg und seine Mitverschwörer wurden hingerichtet. Die Gestapo fand bei ihren Ermittlungen heraus, dass die Verschwörer auch Kontakte zu Widerstandsgruppen außerhalb des Militärs unterhalten hatten. Dennoch setzte sich die von Hitler damals in einer Rundfunkansprache gemachte Behauptung, hinter dem Attentat habe nur eine „kleine Clique“ von Offizieren gesteckt, in den Köpfen fest. Die Verschwörer des 20. Juli wurden vielleicht auch deshalb in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Weltkrieg von vielen immer noch als „Verräter“ angesehen. Das änderte sich erst allmählich.

Wer den Fokus zu stark auf die Verschwörer aus den Reihen der Wehrmacht richtet, verliert leicht die anderen aus dem Blick, deren Schicksale die Berliner Gedenkstätte im Berliner Bezirk Tiergarten auch dokumentiert, Sophie Scholl und die Weiße Rose, das Widerstands-Netzwerk, dem die Nationalsozialisten den Namen „Rote Kapelle“ gaben, der Arbeiter Georg Elser, der schon 1939 eine Bombe gezündet hatte, die Hitler töten sollte, und viele mehr.

Unbeantwortete Fragen

Knapp zwei Wochen vor dem 75. Jahrestag lud die Berliner Bertelsmann-Repräsentanz den Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, zum Streitgespräch mit Thomas Karlauf ein. Karlaufs Biografie „Stauffenberg. Porträt eines Attentäters“ hatte zuletzt für einigen Wirbel gesorgt. Tuchel hielt Karlauf, der in seinem Buch den großen Einfluss des 1933 verstorbenen Dichters Stefan George auf Stauffenberg betont, entgegen, der spätere Attentäter sei sehr wohl „ein politischer Kopf“ gewesen.

Da die Protagonisten des militärischen Widerstandes hingerichtet wurden und auch aus dem mit ihm verbundenden „Kreisauer Kreis“ um Helmuth James Graf von Moltke nur wenige überlebten, sind bis heute nicht alle Fragen, die Historiker interessieren, beantwortet. Vor allem die Frage, was die Verschwörer wann über die Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern wussten und inwieweit sie dieses Wissen bei ihren Überlegungen leitete, ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Widerstand missbraucht

Regelrecht empört zeigte sich Tuchel bei der Diskussion mit Karlauf über die von ihm beobachtete Vereinnahmung Stauffenbergs durch die AfD und die sogenannte Neue Rechte, die in ihrer Fundamentalopposition gegenüber den etablierten Parteien oft von „Widerstand“ spricht. Die Thüringer AfD-Landtagsfraktion hatte vor zwei Jahren das Konterfei Stauffenbergs mit dem Spruch „Der echte Antifaschismus hat keine bunten Haare“ veröffentlicht.

Tuchel sagte: „Nee, ihr seid nicht im Widerstand. Dies ist etwas anderes als Widerstand in einer totalitären Diktatur.“ Es sei eine „Unverschämtheit“, dass die von dem christlichen Widerstandskämpfer Josef Wirmer für ein neues Deutschland entworfene Flagge heute auf den Kundgebungen des ausländerfeindlichen Pegida-Bündnisses in Dresden geschwenkt werde. „Dieses Symbol, das für Demokratie und für die Wiederherstellung des Rechtsstaates steht,“ dürfe nicht vereinnahmt werden von Menschen, die intolerant seien und „die ein anderes autoritäres Gesellschaftsbild haben.“

Ähnlich hatte sich zuvor auch Sophie von Bechtolsheim, eine Enkelin Stauffenbergs, geäußert. Sie hatte im Juni das Buch „Stauffenberg – Mein Großvater war kein Attentäter“ veröffentlicht. Mit dem Titel will die Autorin ausdrücken, dass es ihrem Vorfahren nicht um die Tat selbst gegangen sei, sondern darum, eine neue Ordnung in Deutschland zu etablieren.

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