BERLIN - Rund 15 000 Opfer sexuellen Missbrauchs weist die Kriminalstatistik allein für das vergangene Jahr aus. „Wir alle wissen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist“, sagte Familienministerin Kristina Schröder (CDU) am Freitag zum Start des Runden Tisches gegen Kindesmissbrauch: „Auf uns warten schwere Aufgaben.“ Dass Schröder, ihre Kabinettskolleginnen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz, FDP) und Annette Schavan (Bildung, CDU) sowie weitere 58 Experten und Repräsentanten diese auch bewältigen – daran gibt es Zweifel.
Nicht eingeladen
Zum Beispiel bei Norbert Denef, einem Missbrauchsopfer, der von einem Pfarrer seit seinem zehnten Lebensjahr missbraucht worden war, und dem später Schweigegeld von der katholischen Kirche angeboten worden war. Er war zwar – wie andere Opfer auch – nicht eingeladen, aber nach Berlin angereist. „Gar nichts“ erwarte er vom Runden Tisch. Dort säßen doch die zusammen, die die Verantwortung dafür trügen, dass es so weit kommen konnte, sagte er verbittert.
Die Einsetzung des Runden Tisches war von der Bundesregierung im März beschlossen worden, nachdem zuvor mehr und mehr Fälle von Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bekannt geworden waren, sowohl in kirchlichen als anderen Institutionen. Mit Aufklärung, juristischen Konsequenzen und der Vorbeugung sollen sich nun Arbeitsgruppen beschäftigen.
Die Idee von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, auch von Lehrern ein erweitertes Führungszeugnis zu verlangen – so wie es von Erziehern und Erzieherinnen bereits verlangt wird – stößt auf Widerstand: Ein „Generalverdacht“ gegen die Lehrerschaft werde dadurch ausgesprochen, sagte der Vertreter des deutschen Lehrerverbandes nach Teilnehmerangaben.
Es wurden auch Mängel bei der Teilnehmerauswahl deutlich: So sprachen die Vertreter der Ärzte davon, dass eigentlich die Krankenkassen mit an den Runden Tisch gehörten. Denn immer noch sei es in Deutschland extrem schwierig als Missbrauchsopfer eine spezielle Therapie bezahlt zu erhalten. Verschiedene anerkannte Opferorganisationen wie „Zartbitter“ oder „Wildwasser“ standen auch nicht auf der Einladungsliste.
Telefonhotline
Bis zum Jahresende soll nun ein Zwischenbericht aus den Arbeitsgruppen vorliegen, in denen es auch um so heikle Fragen wie Entschädigung für die Opfer gehen soll. Viele der jetzt bekannt gewordenen Taten sind lange verjährt. Nur schleppend läuft bisher die Arbeit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), an: Die angekündigte Telefonhotline steht noch immer nicht. Sie berichtete gestern dennoch von Fortschritten: Per Fax sei sie inzwischen zu erreichen.
