BERLIN - Der kleine Hussein hat an diesem Montagmorgen nur eine Frage an die zwei großen blau-uniformierten Männer, die am Eingangstor seiner Schule in Berlin-Neukölln Stellung bezogen haben. „Habt ihr eure Pistolen dabei?“ fragt er schüchtern. Da muss der Größere der beiden grinsen. Er beugt sich zu dem Kind hinunter und schüttelt den Kopf. Erleichtert atmet Hussein auf und geht - begleitet von zahlreichen Fernsehteams. Es ist 07.45 Uhr. Der bundesweit erste Einsatz von 20 privaten Sicherheitsleuten an 13 Schulen im Bezirk Neukölln, der durch die Rütli-Schule in die Schlagzeilen geraten war, hat begonnen.
Der umstrittene Einsatz verläuft unspektakulär. „Mich hat niemand kontrolliert“, berichtet die 15-jährige Nour Zeitan. Sie ist froh über den Einsatz der Wachmänner, die ab sofort ihre Schule vor dem Eindringen fremder Jugendlicher schützen sollen. Unsicher habe sie sich auf dem Schulgelände zwar noch nie gefühlt. „Aber hier kann ja immer mal was passieren.“ Das findet auch die zwölfjährige Hala Mahawech, die in diesem Schuljahr neu an die Röntgen-Schule gekommen ist und die siebte Klasse besucht. Gewalt an ihrer Schule habe sie noch nicht beobachtet. „Aber ein bisschen Angst habe ich schon, seit unsere Lehrerin uns erzählt hat, dass hier ein Lehrer zusammengeschlagen wurde“, berichtet sie. Das war im Juni. Ein schulfremder 17-Jähriger hatte einen Lehrer mehrmals mit der Faust so stark ins
Gesicht geschlagen, bis dieser zu Boden fiel. „Im Kollegium war danach deutlich spürbar, dass man keine Lust mehr hatte, sich ständig von schulfremden Jugendlichen anpöbeln und provozieren zu lassen“, sagt Schulleiterin Marlis Meinicke-Dietrich. Den Einsatz des Wachdienstes habe die Schulkonferenz einstimmig beschlossen. „Es kann nicht die Aufgabe der Lehrer sein, die Schüler vor Angriffen von außen zu schützen.“
Auch an anderen Berliner Schulen war es in den Vergangenheit immer wieder zu Gewalttaten gekommen. Allein in Neukölln zählte das Bezirksamt für das vergangenen Jahr 136 Fälle von körperlicher Gewalt. In 27 Fällen sei die Gewalt von außen in die Schule getragen worden.
„Es musste etwas getan werden“, sagt der Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD), der auf dem Schulhof Interviews gibt. Zur besseren Verständigung beherrschen die Sicherheitsleute zum Teil Türkisch oder Arabisch. Was genau getan wird, unterscheidet sich je nach Schule. Während an einigen Schulen nur ab und zu Ausweise kontrolliert werden, müssen die Wächter in anderen Fällen ganze Schülergruppen zur nahe gelegenen Turnhalle begleiten. Die Kritik von Innensenator Ehrhart Körting (SPD), er wolle mit „paramilitärischen Einheiten für Disziplin“ sorgen, sei völlig abwegig, sagt Stadtrat Schimmang. „Die Leute wurden extra geschult, um zu deeskalieren.“
Der 13-jährige Jasser von der Rütli-Schule, die mit einem Hilferuf der Lehrer im Frühjahr 2006 für Aufsehen sorgte, sieht das allerdings anders. „Das Ganze sieht total übertrieben aus. Dadurch wirkt unsere Schule jetzt erst recht kriminell“, meint er.
