Berlin/Bremen - Die Pflegebranche sucht händeringend nach Personal. Zugleich steigt die Zahl der Pflegebedürftigen weiter. Aber wie viele Arbeitskräfte benötigen Altenheime tatsächlich? Wissenschaftler der Universität Bremen wurden von der Pflegeselbstverwaltung – also unter anderem den Pflegekassen und Pflegeheimen – beauftragt, ein Instrument zur Personalbemessung zu entwickeln.

Am Dienstag stellten die Forscher in Berlin die Ergebnisse ihrer Studie vor – und das Modell, mit dem für jedes Pflegeheim einzeln der genaue Bedarf an Pflegekräften ermittelt werden kann. Die Ermittlung des Personalbedarfs in der Studie bezieht sich nur auf den teilstationären und stationären Bereich, sie gilt nicht für ambulante Pflege.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte: „Wir brauchen mehr Personal und einen besseren Personalmix – das heißt insbesondere auch mehr Assistenzkräfte.“

Das Modell wird nun erprobt. Ab Juli soll es dann schrittweise über eine Dauer von mehreren Jahren eingeführt werden. Dazu ist aber noch eine gesetzliche Grundlage notwendig.

Das Ergebnis im Detail: Eigentlich sollte eine Pflegekraft im Durchschnitt 1,8 Bedürftige betreuen, tatsächlich sind es bisher 2,5. Um diesen Betreuungsschlüssel zu erreichen bräuchte es laut der Studie 36 Prozent mehr Pflegekräfte. Ein durchschnittliches Altenheim mit 100 Bewohnern müsste 55 Pflegekräfte haben statt der heute üblichen 40. Die Zahl der Pflegekräfte in der Altenpflege müsste dazu bundesweit um rund 120 000 steigen – von jetzt rund 320 000 auf knapp 440 000. Dies würde 4 Milliarden Euro kosten.

Dabei zeigt sich laut den Forschern „ein nur geringer Personalmehrbedarf“ bei Fachkräften. „Einen sehr großen Aufwachs benötigen wir hingegen bei den Assistenzkräften, die zum Beispiel eine zweijährige Ausbildung absolviert haben“, erläuterte der Leiter der Studie, Heinz Rothgang. Je nach Bundesland würden zwischen 57 und 92 Prozent mehr Assistenzkräfte und bis zu knapp 13 Prozent mehr Fachkräfte fehlen.

Assistenzkräfte helfen unter anderem bei der Körperpflege, Pflegefachkräften übernehmen auch Planungs- und Kontrollaufgaben. Laut den Forschern müssten die Fachkräfte stärker leiten, organisieren und anleiten, während die Assistenzkräfte sich vermehrt um die körperlichen und menschlichen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen kümmern sollten.

Das genaue Verhältnis von Fach- zu Hilfskräften sei allerdings vom Pflegegrad der Heimbewohner abhängig. Je mehr stark pflegebedürftige Menschen ein Heim versorgt, umso mehr Fachkräfte müssten im Einsatz sein, erklärte Rothgang. Er plädierte dafür, keine starren Quoten vorzugeben, sondern sie nach der Zusammensetzung der Bewohnerschaft zu ermitteln.

Was Experten sagen: ­Gesundheitsminister Spahn verwies auf positive Entwicklungen in der Pflege. So entschieden sich mittlerweile mehr Menschen für eine Ausbildung oder Umschulung in dem Bereich. Auch seien 13 000 neue Stellen in der Altenpflege geschaffen worden. „Wir dürfen über Pflege nicht nur als Defizit reden“, sagte er. Dies würde abschreckend auf potenzielle Arbeitskräfte wirken. Es müsse aber weiteres Personal gewonnen werden und die Pflege besser organisiert werden, gab Spahn zu.

In dem Bremer Gutachten wird darauf hingewiesen, dass der Personalbedarf nur gedeckt werden könne, „wenn die Arbeitsbedingungen in der Heimpflege verbessert werden“.

Maria Loheide, Vorstandsmitglied der Diakonie, sagte im Hinblick auf das hohe Arbeitstempo: „Wir müssen die Hetze herausnehmen aus den Pflegeeinrichtungen.“

Auch die Linken pochen auf bessere Bedingungen in Heimen. Die pflegepolitische Sprecherin Pia Zimmermann sagte, das Modell sei „keine nachhaltige Verbesserung der Bedingungen für alle im Pflegeheim – weder für die Menschen mit Pflegebedarf, noch für die Beschäftigten“.