Berlin - Wenn Kanzler Olaf Scholz (SPD) und seine Vorgängerin Angela Merkel (CDU) derzeit etwas gemeinsam haben, dann dies: Von beiden heißt es im politischen Berlin, sie seien abgetaucht. Scholz bemüht sich freilich gerade, diesen Eindruck zu widerlegen, er regiert schließlich. Politpensionärin Merkel hingegen plant im Moment nichts, zumindest nichts, worüber sie die Öffentlichkeit informieren würde. Wie immer ist es ihr egal, was an Gerüchten kursiert oder ob jemand fragt: Was macht eigentlich Merkel?
Große Interesse
Einmal Kanzlerin, immer Kanzlerin. Ob man will oder nicht. Deswegen ist das Interesse nach wie vor groß daran, womit sich die 67-Jährige nach 16 Jahren im Amt künftig die Zeit vertreiben wird. Umso mehr, wo doch ein anderer Altkanzler, ihr direkter Vorgänger Gerhard Schröder, in der Russland- und Ukrainepolitik wieder kräftig mitmischt und damit seine eigene Partei, die SPD, in die Bredouille bringt.
Von Merkel sind solche Querschüsse nicht zu erwarten. Erst recht glaubt niemand, dass sie der Versuchung erliegen könnte, lukrative Jobs in der Wirtschaft anzunehmen. Dass Merkel den Ehrenvorsitz der CDU abgelehnt hat, wie Ex-Parteichef Armin Laschet kürzlich berichtete, wird in der Union dann auch so erklärt: Sie wolle nicht wie Helmut Kohl enden, der als Ehrenvorsitzender in den Gremiensitzungen gesessen und sich dann besserwisserisch eingemischt habe.
Unklar ist noch, wie die Union Merkel würdigen wird. Die große Abschiedssause fand wegen Corona nicht statt. Möglich ist eine Ehrung auf dem Präsenzparteitag im September.
Die andere Merkel
Als Merkel noch regierte, meinte sie einmal: „Wenn ich im Kochtopf rühre, sage ich ja nicht: Die Kanzlerin rührt jetzt im Kochtopf.“ Die Frage lautete, ob sie ihr Amt in der Freizeit ablegen könne.
Wer Merkel mal am Rande von Veranstaltungen erlebt hat, der weiß, wie humorvoll und entspannt sie sein kann; ganz und gar nicht kanzlerinnenmäßig. Viel Freizeit hatte sie nie, ab und an ging es mit Ehemann und Freunden in ein Restaurant nahe der Friedrichstraße, hin und wieder ins Konzert oder sie machte am Wochenende einen Abstecher in ihr Ferienhaus in der Uckermark. Im Urlaub wurde meist gewandert.
Wie ihre Trutzburg wirkt das Bundestagsgebäude Unter den Linden 71. Dort residiert jetzt Merkel, seit sie Anfang Dezember nicht mehr die Regierung führt. Mitarbeiter und Räumlichkeiten stehen ihr zu. Pflichtbewusst wie eh und je soll sie regelmäßig morgens ins Büro kommen. Oben in der vierten Etage hält ihr Team eisern dicht, wenn es um die Zukunftspläne der früheren Regierungschefin geht. Einzige Ausnahme – die Ankündigung ihrer Büroleiterin Beate Baumann, zusammen mit Merkel ein Buch schreiben zu wollen.
Fast wie ein Geist
Merkel ist wie ein Geist, er erscheint plötzlich, dann ist er wieder weg. Mit Glück sieht man sie kurz beim Einkaufen, etwa im Berliner KaDeWe oder in ihrem Lieblings-Supermarkt. Manchmal geht es nicht anders, dann muss sie sich doch einlassen. Als UN-Chef António Guterres Merkel das Angebot für eine Beraterrolle bei den Vereinten Nationen unterbreitete, ließ sie über ihr Büro dankend ablehnen.
Wobei es im Berliner Betrieb doch Insider gibt, die glauben, mehr zu wissen. Also heißt es jetzt, bis zum Sommer werde Merkel „nichts“ machen. Dann aber wolle sie wohl Vorlesungen halten an den Hochschulen, die ihr die Doktorwürde verliehen haben – und mit dem besagten Buch beginnen. Verbrieft ist das nicht. Aber sollte es so kommen, hätte die Altkanzlerin wieder viel zu tun: 18 Ehrendoktorwürden wurden Merkel während ihrer Regierungszeit verliehen.
