Berlin - Karl Kardinal Lehmann ist tot. Am Sonntag ist der frühere Bischof von Mainz dort in seinem Haus an den Folgen eines im Herbst erlittenen Schlaganfalls gestorben. Mit ihm verliert die katholische Kirche einen ihrer bedeutendsten Vertreter der vergangenen Jahrzehnte, einen der beliebtesten dazu. Von 1987 bis 2008 hatte er das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz inne. Nicht nur in dieser Funktion habe er „über viele Jahre das Bild der katholischen Kirche in unserem Land maßgeblich mitgeprägt“, würdigte ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Ein Kirchenrebell, ein großer Intellektueller und Reformer, „der prägende Kopf“ der katholischen Kirche in Deutschland, so die Kanzlerin. „Er hat mich mit seiner intellektuellen und theologischen Kraft begeistert und war dabei immer auch ein Mensch voll bodenständiger Lebensfreude“, erinnert die Pfarrerstochter an den außergewöhnlichen Kirchenmann.
1936 im schwäbischen Sigmaringen geboren, studierte Lehmann nach der Schulzeit zunächst in Freiburg Philosophie und katholische Theologie. Später zog es ihn nach Rom an die Päpstliche Universität Gregoriana, wo er über das Denken Heideggers promovierte. Die Zeit im Herzen der katholischen Kirche, vor allem aber der Kontakt zu seinem Mentor Karl Rahners, sollte ihn für den Rest seines Lebens prägen.
Rahners, einer der wichtigsten Verfechter einer Erneuerung der Kirche, führte den jungen Lehmann in Kreise ein, die schon bald eine kleine Revolution anführen sollten: Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil setzten sich Rahners und seine Mitstreiter durch, erkämpften erfolgreich eine Öffnung der Kirche, rückten den Menschen stärker in den Mittelpunkt des Glaubens. Es wurde die wohl wichtigste Wende der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert.
Der liberale Geist dieser Zeit beeindruckte Lehmann tief, ließ ihn nicht mehr los. Bald übernahm er die Fackel von seinem Mentor, trug dessen Denken in die Welt. In den Jahrzehnten, die auf das Konzil folgten, als das Pendel in Rom längst in die Gegenrichtung ausgeschlagen war und konservative Stimmen den Ton angaben, wurde Lehmann zu einer der wichtigsten Stimmen einer modernen und weltoffenen Kirche.
Lehmann verlor sich nie in abgehobenen theologischen Debatten, kannte die Ängste, Nöte und Leidenschaften der Menschen, bezog Stellung nicht nur zu Fragen der Religion, sondern auch zu politischen Themen und arbeitete dafür, dass die katholische Kirche mit Politik, Kultur und Gesellschaft im Gespräch blieb und sich auch die Ökumene mit der evangelischen Kirche weiterentwickelte.
„State in fide – Steht fest im Glauben“, lautete sein bischöflicher Wahlspruch, der zu seinem Leitmotiv wurde, ihn stets beharrlich für seine Ziele kämpfen ließ, ohne es an Loyalität gegenüber seiner Kirche mangeln zu lassen.
