BERLIN - Für 6800 Bundeswehr-Soldaten hatte Weihnachten 2008 nur wenig Gemütlichkeit zu bieten. Sie mussten die Feiertage im Dienst fern der Heimat verbringen – in Afghanistan, im Kosovo, im Libanon oder am Horn von Afrika. Dort soll die Marine seit kurzem nicht nur Terrorverdächtige, sondern auch immer dreister auftretende Seeräuber stoppen. Der Ernst der Lage vor Afrikas Ostküste wurde schneller deutlich als erwartet. Erfreuliche Bilanz: Feuertaufe bestanden.

Heiligabend mit Weihnachtslieder-Singen rund um einen Baum aus Schiffstauen liegt nur wenige Stunden zurück, da ist es mit der Festruhe für die etwa 220 Besatzungsmitglieder der Fregatte „Karlsruhe“ im Golf von Aden auch schon vorbei. Ein Hilferuf des ägyptischen Frachters „Wabi al Arab“ löst am Donnerstag um 8.45 Uhr Mitteleuropäischer Zeit den ersten Einsatz des deutschen Schiffs im Rahmen der europäischen Anti-Piraten-Mission „Atalanta“ aus.

Innerhalb weniger Minuten steigt ein Hubschrauber „Sea Lynx“ vom Deck der „Karlsruhe“ auf. Von der anderen deutschen Fregatte in dem riesigen Seegebiet, der zur Anti-Terror-Mission OEF gehörenden „Mecklenburg-Vorpommern“, startet ein weiterer „Sea Lynx“ mit Ärzteteam. Auftrag der Helikopter-Besatzungen: Die Seeräuber vor der Küste des Jemen abschrecken und verjagen, vor allem aber: Leben retten. Genau dies geschieht.

Als der Bordhubschrauber der „Karlsruhe“ am Ort des Überfalls eintrifft, brechen die mit Schnellfeuergewehren russischer Bauart bewaffneten Piraten ihren Angriff auf die „Wabi al Arab“ ab. Die deutschen Soldaten stellen fest, dass es eine heftige Schießerei gegeben hat. Der zweite Helikopter eilt potenziellen Opfern zur Hilfe. Er nimmt einen Schwerverletzten auf, der notversorgt und im Laufe des ersten Weihnachtstages im Lazarett der „Karlsruhe“ außer Lebensgefahr gebracht wird.

„Die Rettung von Menschenleben hatte diesmal Priorität“, erklärt Fregattenkapitän Hans-Joachim Kuhfahl. Eher dem Zufall entspringt die Entwaffnung einiger Piraten. Die hätten sich in ihren kleinen Booten bei Annäherung der „Karlsruhe“ sofort ergeben, berichtet am Freitag ein Bundeswehrsprecher. Man habe ihnen alle Waffen abgenommen und die Bande dann ziehen lassen. „Die konnten keinen Schaden mehr anrichten.“ Auch seien „deutsche Interessen“ nicht konkret berührt gewesen. Daher wurde auf eine – rechtlich mögliche – Festnahme der Seeräuber verzichtet.

Am Freitag haben zudem drei chinesische Kriegsschiffe Kurs auf die Küste Somalias genommen. Die beiden Zerstörer und ein Versorgungsschiff sollen in zehn Tagen am Horn von Afrika eintreffen. Die Flotte soll chinesische Handelsschiffe eskortieren und auch für Hilfsersuchen anderer Schiffe bereit stehen.