BERLIN - Manchmal kommt es vor, dass sich Politiker nach einem tiefen Zerwürfnis im vorgerückten Alter miteinander versöhnen. Das wird zwischen Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher nicht mehr zu erleben sein.

Der Mann aus Hamburg, den am 1. Oktober 1982 ein konstruktives Misstrauensvotum zu Fall brachte, fühlt sich noch heute von dem Mann aus Halle getäuscht. Der wiederum bestreitet auch nach einem Vierteljahrhundert, dass er schon im Spätsommer jenes schicksalhaften Jahres mit Helmut Kohl konspirativ das Überlaufen der FDP zur Union verabredet hatte.

Der zweite Sozialdemokrat im Kanzleramt hatte Genscher in einem Brief sehr direkt gefragt, ob der Außenminister die Seiten wechseln wolle. Der hatte das verneint.

Warum überhaupt an jenen düsteren Freitag im Oktober erinnern? Weil alle Koalitionen zerbrechen, wenn sich das Misstrauen in ihr Bündnis tief eingefressen hat. Das sollte Angela Merkel und Kurt Beck eine Lehre sein.

Das Ende von Schmidts Dienstfahrt ist nicht allein dadurch zu erklären, dass die FDP eine ganz Weile schon glaubte, sie könne ihre Ziele mit Helmut Kohls Partei leichter durchsetzen. Otto Graf Lambsdorff verfasste den „Scheidungsbrief“, der eine Wirtschafts- und Sozialpolitik postulierte, die – das Wort war noch nicht so im Schwange – klassisch „neoliberal“ war. Dabei hatte er doch viele Jahre am Kabinettstisch von solchen Ideen nichts verlauten lassen. Weshalb Franz Josef Strauß höhnte: „War Lambsdorff 13 Jahre lang in einer Taucherglocke in der Südsee?“ Für Schmidt war der Brief eine „Hinwendung zur Ellenbogengesellschaft“. Erst recht für eine Mehrheit seiner Partei.

Die Genossen hielten den von Schmidt für zwingend angesehenen Nachrüstungsbeschluss für unvereinbar mit ihren pazifistischen Überzeugungen. Die Auseinandersetzungen zwischen dem linken und dem konservativen Flügel waren schon selbstzerstörerisch. Willy Brandts Unterstützung für seinen Nachfolger war nur noch lauwarm. Erhard Eppler machte aus seiner Gegnerschaft zum Kanzler keinen Hehl. Mit dem Versuch, „die eigene Partei auf eine Politik zu verpflichten, die ihre Glaubwürdigkeit bewahren soll“, ist Schmidt gescheitert. Die Mehrheit der Deutschen war der Meinung, dass auch die eigenen Leute ein übles Spiel mit Schmidt getrieben hatten.

Kanzlerin Angela Merkel, wissend, dass auch sie etliche Feinde in den eigenen Reihen hat, ist, vorerst jedenfalls, gegen ein solches Schicksal gefeit.