Berlin - Saul Friedländer überlebte den Holocaust in einem französischen Versteck, seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Am Donnerstagmorgen hält der 87-jährige Jude und Historiker vor dem Deutschen Bundestag eine Rede, es ist die zentrale Gedenkstunde des Parlaments an die Opfer des Nationalsozialismus. Friedländer erinnert an die Verbrechen – und verteidigt das Existenzrecht Israels. Das sei „eine grundsätzliche moralische Verpflichtung“. Er spricht aus, was doch selbstverständlich sein sollte, aber es offenbar nicht mehr ist, „in einer Zeit, in der aufseiten der extremen Rechten und aufseiten der extremen Linken Israels Existenz infrage gestellt wird“.
Selbstverständlich sei es legitim, die israelische Regierung zu kritisieren, wie er es auch tue, sagt Friedländer. „Aber das Ausmaß ist absurd.“ Der Antisemitismus nehme „in seinem traditionellen wie neuen Gewand“ unübersehbar zu. „Der heutige Hass auf Juden ist ebenso irrational, wie er es immer schon war.“
Friedländer ist Ehrengast des Bundestages, der an den 74. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz erinnert. Oben auf der Tribüne unter der Reichstagskuppel hören ihm Holocaust-Überlebende zu.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, sind gekommen. Das Bennewitz-Streichquartett aus Prag führt Stücke zweier jüdischer Holocaust-Opfer auf – darunter von dem Komponisten Erwin Schulhoff, der 1942 im bayerischen Internierungslager Wülzburg an Tuberkulose starb, und von Viktor Ullmann, der 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet wurde.
Historiker Friedländer verrät, dass er anfänglich gezögert habe, diese Gedenkrede vor dem Bundestag zu halten: „Ich nahm es aber an.“ Und auch hat er eine Botschaft an die Rechtspopulisten, warnt vor Fremdenhass, autoritärer Herrschaft und Nationalismus, die „besorgniserregend auf dem Vormarsch“ seien.
Friedländer, 1932 als Sohn jüdischer Eltern in Prag geboren, redet auf Deutsch, der Sprache seiner Kindheit. Seine Eltern waren 1939 vor den Nazis nach Paris und dann Zentralfrankreich geflohen, im Sommer 1942 versteckten sie den Jungen in einem katholischen Knabenseminar. Sie selbst versuchten über die Grenze in die Schweiz zu fliehen, wurden aber aufgegriffen und an die französische Polizei ausgeliefert. Mit dem „Transport Nr. 40“ wurden sie nach Auschwitz deportiert.
Für die Deutschen, insbesondere die jüngere Generation, hat Friedländer noch eine wichtige Botschaft: „Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum, für die wahre Demokratie zu kämpfen.“ Es folgt lang anhaltender Applaus. Er sei überrascht und erfreut von der Wärme gewesen, die er heute hier erfahren habe, sagt Friedländer am Ende.
