BERLIN - BERLIN - Nach der Kostenexplosion bei Arzneimitteln im ersten Halbjahr drohen steigende Beiträge in der Krankenversicherung. Der Ausgabenzuwachs von 20,1 Prozent im ersten Halbjahr hat zudem den Streit um die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen verschärft. Regierungsberater Karl Lauterbach wirft den Kassenärztlichen Vereinigungen Versagen bei der Kostenkontrolle vor. Er fordert, ihnen die Zuständigkeit für Wirtschaftlichkeitsprüfungen zu entziehen: „Die Vorstände der Kassenärztlichen Vereinigungen erhalten Spitzengehälter von mehreren 100 000 Euro, versagen aber dabei, die Ärzte zu einem wirtschaftlicheren Verschreibungsverhalten anzuhalten“, erklärte Lauterbach gestern in Berlin. Die Krankenkassen sollten die Ärzte daher in Zukunft „alleine und sehr viel rigoroser als bisher kontrollieren“.

In den letzten zehn Jahren seien die Medikamentenausgaben durchschnittlich um acht Prozent jährlich gestiegen. Das Gesundheitssystem wäre „bereits unbezahlbar, wenn solche Zuwächse in allen Bereichen stattfänden“, kritisierte der Kölner Gesundheitswissenschaftler. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) teilte zwar mit, dass es im Spätsommer zu neuen Gesprächen mit den Krankenkassen über Maßnahmen gegen die Kostenexplosion kommen soll. Im Kernstreitpunkt bleibt die KBV jedoch hart. Sie lehnt pauschale finanzielle Abzüge für Mediziner in Kassenärztlichen Vereinigungen mit überdurchschnittlich vielen und teuren Verordnungen ab.

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Hans Jürgen Ahrens, warnte im Gespräch mit dieser Zeitung vor den Folgen für die Versicherten: „Wenn der Anstieg ungebremst so weitergeht, können wir Beitragssatzsenkungen vollständig vergessen.“ Der Vorstandsvorsitzende der Kaufmännischen Krankenkasse, Ingo Kailuweit, ging einen Schritt weiter: „Ich rechne in diesem Jahr bundesweit mit leicht steigenden Beiträgen.“

Die Halbjahresbilanz der Apothekervereinigung hatte einen drastischen Anstieg der Medikamentenerstattungen durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgewiesen – plus 1,86 Milliarden Euro. Nur zum Teil waren die Mehrkosten auf den Wegfall von Rabattregelungen zurückzuführen. Es wurden auch mehr Medikamente (plus 350 Millionen Euro) und teurere (plus 650 Millionen Euro) verschrieben. Die Krankenkassen fordern, dass Ärzte, die preisgünstige Medikamente verordnen, einen Bonus erhalten. Diejenigen hingegen, die gegen Wirtschaftlichkeitsgebote verstoßen, sollten finanziell zur Verantwortung gezogen werden.

Eine solche Bonus-Malus-Regelung lehnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung bisher ab. Die Gespräche hierüber waren am Mittwoch gescheitert. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte von einer „Bankrott-Erklärung“ der KBV gesprochen und gewarnt: „Die Uhr tickt für die Selbstverwaltung.“ Dies wies die KBV am Freitag als „Wahlkampftöne“ zurück.