BERLIN/HANNOVER -

und Janine Wergin

BERLIN/HANNOVER - Der Hilferuf der Berliner Rütli-Hauptschule wegen ausufernden Gewalttaten hat schnell Wirkung gezeigt. Seit acht Monaten war die Rektorenstelle an der Neuköllner Problemschule unbesetzt – knapp 48 Stunden nachdem der Brief der Lehrer bekannt wurde, präsentiert Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) am Freitag einen neuen Leiter.

Schon vor Wochen hatten die Lehrer angesichts von randalierenden Jugendlichen in den Klassenzimmern kapituliert und in einem Brief um Unterstützung gefleht. Lösungen für die gescheiterte Integrations- und Bildungspolitik in den Problemkiezen sind jedoch nicht in Sicht.

Mehr als eine Stunde redet Böger mit Kollegium und Klassensprechern. Anschließend tritt er routiniert vor die Kameras: „Ich bin nach dem Besuch viel optimistischer, als ich es gestern nach der Lektüre des Briefes war.“ Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern sei „von großem Zutrauen gekennzeichnet“. Es gebe aber nichts zu beschönigen. „In der gesellschaftlichen Integration und Bildung haben wir in Berlin noch ein gutes Stück vor uns“.

Auf zunächst angekündigte Waffenkontrollen wird am Freitag dann doch verzichtet. Böger sagt, das Problem seien nicht Waffen, sondern „rabiates Verhalten und körperliche Androhungen“. Sechs Polizisten stehen an den Straßenecken, zwischenzeitlich lassen sich Beamte auch auf dem Schulhof blicken.

Ein größerer Teil der Schüler versucht, das düstere Bild zurechtzurücken. „Wir sind keine Terrorschule“, sagen einige Jungen. „Ich habe hier noch nie ein Messer gesehen“, betont die 15-jährige Zena. Den Brief hätten die Lehrer nur geschrieben, damit sie mehr Hilfe bekommen. „Wir haben viel zu wenig Lehrer.“

Für einige Schüler ist es dennoch ein weiter Weg zur Friedfertigkeit. Gegen den Pulk der Reporter und Kamerateams vor dem Schulzaun fliegen am Freitag wieder leere Flaschen. Und der 15-jährige Ramazan Tuna von der Realschule im selben Gebäude meint: „Man bekommt ja mit, was nebenan los ist. Die schlagen gegen die Türen und schreien rum.“

Politisch steht Böger unter Druck. Die Opposition wirft ihm Nachlässigkeit vor, Elternverbände kritisieren, er habe seine Verwaltung nicht im Griff. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mahnt eine stärkere Schulaufsicht und bessere Lehrer an – eine indirekte Kritik auch an der Arbeit seines Schulsenators. Durch „organisatorische Maßnahmen“ müsse dafür gesorgt werden, dass neue Lehrer an die Schulen kommen, „die sich gut ausgebildet und motiviert den Anforderungen stellen“, sagte Wowereit.

Beispiele anderer Schulen zeigen, dass auch mit einem hohen Ausländeranteil und schwierigem sozialen Umfeld Unterricht möglich ist. Wenn Lehrer gemeinsam mit Schülern Regeln für das Zusammenleben aufstellen, ist die Akzeptanz groß. Erst kürzlich machte die Herbert-Hoover-Realschule Schlagzeilen, weil Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam bestimmten, dass auf dem Schulhof nur deutsch gesprochen wird. Seitdem läuft dort vieles besser.

In Niedersachsen sorgen die Berliner Vorgänge für erhebliche Diskussionen. Die Grünen im Landtag warfen der CDU/FDP-Regierung vor, die Schulreform habe die Zunahme von Gewalt an Hauptschulen verschärft. Kultusminister Bernd Busemann (CDU) sagte hingegen, die eigentlichen Probleme seien nicht durch Schulstrukturfragen in den Griff zu bekommen, sondern gesellschaftspolitischer Natur. Lehrer- und Elternverbände forderten, Ausländerfamilien besser in die Schule zu integrieren.

Auch in Niedersachsen waren in der Vergangenheit Fälle bekannt geworden, bei denen Schüler ihre Klassenkameraden erpresst, geschlagen oder tyrannisiert haben sollen. Die Vize-Fraktionschefin der Grünen, Ina Korter, warf der Regierung vor, sie habe „kein Rezept gegen Chancenlosigkeit und aggressives Verhalten an Hauptschulen“.