BERLIN - BERLIN - Das Grauen erhält ein Gesicht und einen Zugang. Mitten im Regierungsviertel, unweit des lauten Potsdamer Platzes, des Kanzleramts und des Brandenburger Tores, in Sichtweite des Hotels Adlon, direkt gegenüber dem Tiergarten liegt das begehbare, labyrinthartige Gelände von der Größe zweier Fußballfelder. Die Stätte mit 2711 Stelen symbolisiert das größte Verbrechen in der deutschen Geschichte, den Holocaust, den Mord an rund sechs Millionen Juden aus allen Teilen Europas.

Sechs Gesichter schauen den Besucher an, wenn er den „Ort der Information“ unterhalb des Stelenfeldes betritt, sechs Gesichter mit Namen und Herkunft. Sie stehen für die Millionen Toten. Ein hübsches Mädchen ist darunter, lachend. Claire Brodzki hieß sie. Sie stammte aus Lyon und hatte die Befreiung des KZ Auschwitz noch überlebt und starb dann doch noch an Entkräftung. Ein anderes Gesicht gehörte Zdenek Konas aus Prag. Elf Jahre war er damals. Auf dem Foto ist er im Sonntagsanzug zu sehen. 1943 verlor sich die Geschichte seines Lebens. Er ist verschollen.

Hier im Untergeschoss des Denkmals kann man den tiefen Sinn des Mahnmals erfahren, der sich einem sonst nur schwer erschließt, ja beinahe unfassbar ist. Aber ist das Verbrechen an den Juden fassbar? Hier unten mag man die Gedanken des Architekten Peter Eisenman begreifen. Weil man Schicksale von Menschen geschildert bekommt, weil man sehen und lesen und hören kann, wie die Juden Zug um Zug ihrer Rechte und ihrer Würde und am Ende ihres Lebens beraubt wurden.

„Lieber Vater!“ beginnt der Brief eines zwölfjährigen Mädchens aus Ostpolen, das die Tötung der Menschen mit ansehen musste. „Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebend in die Grube geworfen. Auf Wiedersehen für immer. Ich küsse dich inniglich. Deine J.“ In Byten wurde dieses Schreiben gefunden. In Byten, so heißt der Ort in Polen, wurden 1900 Juden von deutschen Einheiten erschossen.

Das Schicksal Einzelner und ganzer Familien, in Fotos und Briefen dargestellt, soll dem Grauen einen Namen geben. Es sind vielfach die letzten Zeichen der Opfer. So liest man auf dem Boden hinter einer erleuchteten Glasplatte aus dem Tagebuch von Oskar Rosenfeld im Ghetto Lodz: „Wenn so etwas möglich ist, was gibt es dann noch? Wozu noch Krieg, wozu noch Hunger? Wozu noch Welt?" Die Räume sind klimatisiert, das Licht ist gedämmt. Die Bilder sind klein. Nicht der Horror der Leichenberge soll das Thema sein. Man will vielmehr aufklären, nicht emotional überwältigen.

Die Täter hatten den Menschen das Leben genommen, so will man wenigstens die Namen der Opfer für die Nachwelt retten.

In einem weiteren Raum werden alle 20 Sekunden Namen auf die Wände projiziert und die Kurz-Biografien verlesen. 700 Namen aus der Datenbank von Yad Vashem wurden ausgesucht. Würde man die Lebensläufe aller sechs Millionen Opfer erzählen, es würde sechs Jahre, sieben Monate und 27 Tage dauern.

Beispiele über Beispiele. Das europäische Ausmaß des Verbrechens macht der „Raum der Orte“ deutlich: Verfolgung, Vernichtung, Massenerschießungen, Konzentrationslager, Ghettos.

Am Donnerstag wird das Mahnmal für die Öffentlichkeit freigegeben. Die Besucher werden zunächst durch das riesige und offene Stelenfeld gehen. Sie werden schnell merken, dass sie dort nur allein durchlaufen können. So nah stehen die bis zu vier Meter hohen Stelen beinander. Das ist so gewollt. Auch die Opfer waren allein.

Genau hier stand einst die Villa des Nazi-Propagandachefs Josef Göbbels. Ein paar Hundert Meter entfernt war der Führerbunker. Hier nahm sich der Diktator Adolf Hitler am 30. April das Leben. Zu DDR-Zeiten war hier das Niemandsland.

Schön ist das Denkmal nicht. Eher anstößig. Es soll irritieren, nachdenklich stimmen. Es ist so gesehen einmalig wie der Holocaust einmalig war.