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NWZonline.de Nachrichten Politik

Ex-Außenminister Klaus Kinkel ist tot

06.03.2019

Berlin Die Endlos-Sätze der bundesdeutschen Politik waren seine Sache nicht. Genauso wenig wie das Einerseits-Andererseits oder das Hätte-Wäre-Wenn. Klaus Kinkel gehörte zu den Leuten, die deutlich werden konnten, wenn sie etwas zu sagen hatten. Von allen Außenministern, die die Bundesrepublik bislang hatte, war er vielleicht der am wenigsten diplomatische. Jetzt ist der ehemalige FDP-Vorsitzende im Alter von 82 Jahren gestorben.

Bevor er Minister wurde, gehörte Kinkel bereits lange Zeit zu den Spitzenbeamten der Republik. Den Regierungsapparat kannte er wie kaum jemand sonst. Trotzdem legte er großen Wert darauf, kein typischer Berufspolitiker zu sein. Auf Kritik an seinem Stil entgegnete er: „Ich habe nie verborgen, dass ich eine offene und manchmal auch schwäbisch-rabauzige Art habe.“

Jurist statt Arzt

Eigentlich wollte Kinkel – geboren 1936 in Metzingen, in der schwäbischen Provinz – Arzt werden. Genau wie der Vater. Nach den ersten beiden Semestern an der Universität wechselte er aber zur Juristerei. 1964 machte er seinen Doktor, ging zum Staat, ins „Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz“, wie das damals hieß, einer Unterbehörde des Innenministeriums. 1970 wurde er vom seinerzeitigen Ressortchef Hans-Dietrich Genscher (FDP) entdeckt.

Die nächsten Jahre war seine Karriere aufs Engste mit Genscher verknüpft. Der Innenminister machte ihn zum persönlichen Referenten und Büroleiter. Zu Kinkels heikelsten Aufgaben gehörte es, dem SPD-Kanzler Willy Brandt ein Dossier zu übergeben, das die Nachrichtendienste über dessen Privatleben angelegt hatten. Der Inhalt trug 1974 dazu bei, dass Brandt seinen Rücktritt einreichte.

Kurz darauf wechselte Kinkel zusammen mit Genscher ins Auswärtige Amt, zunächst als Chef des Leitungs-, dann des Planungsstabs. Über die Jahre wurde er, was die beiden FDP-Aufsteiger Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann bei allen Ambitionen nie schafften: Genschers „politischer Ziehsohn“. Trotzdem blieben Kinkel und Genscher bis zum Schluss beim Sie.

1979 sorgte Genscher dafür, dass Kinkel als erster Zivilist Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) wurde. Fast vier Jahre lang leitete er den Geheimdienst ohne größere Skandale. Kinkel bewies, dass er auch schweigen konnte. Dann zog es ihn zurück in den Politbetrieb, ins FDP-geführte Justizministerium. Zur gleichen Zeit traf ihn eine private Tragödie: Seine älteste Tochter - eines von vier Kindern - starb mit 20 Jahren bei einem Verkehrsunfall.

Genscher-Nachfolger

Als Staatssekretär und schließlich als Justizminister saß Kinkel an einer der Schaltstellen der schwarz-gelben Koalition von Kanzler Helmut Kohl (CDU). 1992, nach Genschers überraschendem Rücktritt, beerbte er dann seinen Förderer im Auswärtigen Amt. Nicht ohne Drama: Erst in einer FDP-internen Kampfabstimmung setzte er sich gegen Irmgard Adam-Schwaetzer durch, die sich schon als erste deutsche Außenministerin gefühlt hatte. Das Klima bei den Freidemokraten war danach ziemlich vergiftet.

Kinkel führte das Auswärtige Amt über sechs Jahre lang. Es waren die Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, die Jahre vor dem 11. September. Verglichen mit heute einigermaßen ruhige Zeiten. Später sagte er einmal: „Die Welt war damals nicht in Ordnung. Aber sie schien es zu sein.“ In seine Amtsjahre fielen zum Beispiel der Völkermord in Ruanda und das Massaker an 8000 Bosniern in Srebrenica.

Zu den größeren Aufregern seiner Amtszeit gehörte, dass Kinkel dem Dalai Lama in den Arm fiel, als ihm dieser bei einem Besuch in Bonn 1995 einen seiner weißen Seidenschals um den Hals legen wollte. Darüber, dass er der erste deutsche Außenminister war, der trotz des Widerstands aus China das Oberhaupt der Tibeter empfangen hatte, sprach anschließend niemand mehr.

Die Szene war vielleicht typisch: Kinkel wollte aufrichtig sein und geradlinig. Wahrgenommen wurde er als unsensibel und schroff. Zudem hatte er damit zu kämpfen, dass nach all den Genscher-Jahren die Außenpolitik mehr und mehr im Kanzleramt gemacht wurde. Die „Welt“ nannte ihn damals schon einen „Kärrner der deutschen Außenpolitik“. Gelegentlich sehnte er sich ins Justizministerium zurück.

Zwei Jahre lang stand Kinkel auch an der Spitze der FDP, zwischen 1993 und 1995. Nach einer Serie von Wahlniederlagen ließ er es nach einer einzigen Amtszeit aber sein. Kinkel - durchaus von einiger körperlicher Stärke und auch stolz darauf - wurde aufgerieben zwischen dem Stressjob im Auswärtigen Amt und den Machtspielen in der Partei.

Nach der Abwahl von Schwarz-Gelb saß er noch bis 2002 im Bundestag. Später arbeitete er als Anwalt. Ein paar Jahre lang war Kinkel auch Vorsitzender der Stiftung der Deutschen Telekom. Bis ins hohe Alter spielte er Tennis, ging Laufen oder fuhr Ski. Zuletzt lebte er in Sankt Augustin bei Bonn.

Nur selten noch gab er Interviews, noch seltener sagte er etwas zur tagesaktuellen Weltpolitik. In einem seiner letzten Interviews, mit der deutschen Ausgabe der „Huffington Post“, klagte er vergangenes Jahr: „Die ordnende Weltmacht Amerika ist unter Trump zu einem gigantischen Unruhefaktor geworden. Es ist zum Fürchten und Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.“

Meist ging es in solchen Gesprächen aber eher um die grundsätzlicheren Dinge. Wie die Erkenntnis: „Man hat selbst als Außenminister eines großen Landes nur beschränkte Möglichkeiten gegenüber den Problemen der Welt. Ich jedenfalls bin als Außenminister eher demütig geworden.“

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