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NWZonline.de Nachrichten Politik

„Die deutsche Demokratie ist reif genug“

26.09.2017

Berlin Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa und der Welt wurde mit Spannung das Ergebnis der Bundestagswahl erwartet. Die Bewertung der Ergebnisse fällt unterschiedlich aus.

„The Times“, London

„Angela Merkel ist nicht glücklich damit, die Anführerin der freien Welt zu sein. Selbst wenn sie solche Ambitionen gehabt haben sollte, wären diese nun durch die Umstände ihres Wahlsiegs beeinträchtigt. Vierte Amtszeiten sind in Deutschland nicht ohne Beispiel. Doch sie können vergiftet sein, wie ihr früherer Mentor, der verstorbene Helmut Kohl, einst erleben musste. Viele glauben gar, dass Merkel nicht für die gesamte Legislaturperiode im Amt bleiben wird. Der Einzug der AfD in den Bundestag – es ist das erste Mal seit 1960, dass eine politisch rechts-außen stehende Partei im Parlament vertreten ist – stellt zwar keine unmittelbare Gefahr dar, denn alle anderen Parteien weigern sich, mit ihr eine Regierung zu bilden. Aber sie wird mit ständigem Gezeter ein härteres Vorgehen gegen Migranten einfordern.“

„NZZ“, Zürich

„Das starke Abschneiden der kleineren Parteien FDP und AfD erlaubt es der Wahlsiegerin Merkel nicht, einfach weiterzumachen wie bisher. Die beiden neuen Parteien im Bundestag können die Kanzlerin von rechts unter Druck setzen und die Politik der nächsten Bundesregierung beeinflussen – als Regierungspartner oder von der Oppositionsbank aus.

Zu diesem Zweck steht die AfD in der Pflicht, ihren Kurs zu klären und sich als rechtsbürgerliche Partei im Bundestag zu positionieren. Wird sie das im Wahlkampf gezielt gepflegte Schmuddel-Image als rechtsextreme, mit rassistischem Gedankengut spielende Protestpartei nicht rasch los, wird sie die Chance vergeben, direkten Einfluss auf die deutsche Politik zu nehmen. Eine rechtsextreme, dauerhaft nicht koalitionsfähige AfD-Fraktion im Bundestag würde Deutschland einen schlechten Dienst erweisen; genau darauf deutet allerdings der gegenwärtige Zustand der Partei.“

„Le Figaro“, Paris

„Angela Merkel hatte geglaubt, der Zuspruch der AfD würde abebben, wenn erst einmal die Flüchtlingskrise beendet sei. Der Flüchtlingsstrom ist drastisch zurückgegangen, aber die radikale Rechte hat sich etabliert. Für lange Zeit dürfte sie nicht aus der deutschen Politiklandschaft verschwinden.“

„Lidove noviny“, Prag

„Unter Angela Merkel ist Deutschland ohne Blut und Eisen zum Hegemon der EU, zu einer wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und humanitären Großmacht geworden. An dieser Position und dem Wohlstand Deutschlands wollten die Wähler nichts ändern, und deshalb hat Merkel gewonnen. Doch die Zahlen geben ein differenzierteres Bild. Die CDU hat zwar gewonnen, aber mit ihrem schlechtesten Ergebnis seit 1949. Das Gleiche gilt für die SPD. Das ist die Strafe für die bisherige Regierungsarbeit und für das Experiment, die Grenzen zu öffnen und Deutschland zum „Licht für die Völker“ zu machen. Zugleich ist es eine Abstrafung für das Modell der Großen Koalition, welche Kritiker und Gegner an den Rand drängte. Umso mehr die Kritiker als Populisten und Extremisten verschrien wurden, desto mehr konnten sie bei den Wählern zulegen.“

„Die Presse“, Wien

„Deutschland ist nach rechts gerückt. Mit zwei Jahren Verspätung präsentierten die deutschen Wähler ihre Rechnung für die Flüchtlingskrise. Es ist allein dieses Thema, das die Alternative für Deutschland (AfD) so stark gemacht hat. In einem anderen politischen Umfeld wären die Rechtsnationalisten angesichts ihrer eklatanten Führungsschwäche und ihrer wiederkehrenden Grabenkämpfe längst auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet. Doch der anhaltende Unmut über Angela Merkels Politik der offenen Grenzen und die Massenzuwanderung hat dieser bereits todgeweihten Anti-Euro-Bewegung neues Leben eingehaucht.“

„Tages-Anzeiger“, Zürich

„Das ist in jeder Hinsicht eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Nie mehr seit deren Frühgeschichte saß eine rabiat nationalistische, islamfeindliche, in Teilen rassistische und rechtsradikale Partei im Parlament, schon gar nicht in dieser Größe. Der alte bundesrepublikanische Konsens, diese Kräfte aus dem politischen Diskurs auszuschließen, ist spektakulär zerbrochen. Dieser Tabubruch schockiert viele Deutsche, was angesichts des Traumas der Nazizeit verständlich ist. Umgekehrt kann man sagen, dass er die politischen Verhältnisse lediglich „normalisiert“: Deutschland war das letzte Land Zentraleuropas ohne große rechte Protestpartei. (...)

So erschreckend der Gedanke vielen Deutschen scheint: Der neue Bundestag wird die Vielfalt der Meinungen, Interessen und Ängste im Land besser abbilden als der letzte. Es wird zu mehr Streit kommen - gerade um Merkels umstrittene Flüchtlingspolitik. Die deutsche Demokratie ist dafür reif genug. Sie kann etwas mehr Auseinandersetzung und Alternativen vertragen.“

„Corriere della Sera“, Rom

„Instabil. So, hat sich Deutschland, wider Erwarten, gestern Abend enthüllt. Das Land, das im vergangenen Krisenjahrzehnt, der Anker war, der Europa vor dem Abdriften bewahrt hat, das Land, von dem man bis vor ein paar Tagen nicht glaubte, dass es Überraschungen bereithält, hat gewählt: und hat das traditionelle politische System auf den Kopf gestellt (...). Der große Gewinner der Wahlen ist die Alternative für Deutschland, die nationalistische und anti-migratorische Bewegung, die 2013 entstand und im Kampf gegen die Flüchtlingswelle in Europa 2015 und 2016 gewachsen ist.

Angela Merkel bleibt Kanzlerin, zahlt aber einen hohen Preis: das schlechteste Ergebnis ihrer CDU-CSU-Union seit den Wahlen 1949. Martin Schulz, ihr sozialdemokratischer Gegner, blickt niedergeschlagen auf das Desaster seiner SPD auf einem historischen Tief. (...)

Es ist ein Jahreszeitenwechsel in der Politik Deutschlands. (...) Ein Ergebnis, das ein politisches Erdbeben in Deutschland ausgelöst hat, das keine Wellen der Gleichgültigkeit durch ganz Europa senden wird. Es ist ein „normaleres“ Deutschland, mit Problemen, die andere auch haben. Das ist ein Problem für alle. Der Anker ist weniger stark.“

„de Volkskrant“, Amsterdam

„Das Aufkommen der AfD und das Wiederaufleben der FDP als rechts-liberale euroskeptische Partei scheinen die Antworten vieler deutscher Wähler auf Probleme zu sein, auf die Merkels Mitte-Links-Koalition zu nebulös reagierte. Terrorismus, Immigration und Extremismus haben mehr als die Hälfte der an Umfragen beteiligten Deutschen als die „größten Probleme“ Europas angesehen. Ein politisch zerstrittenes Parlament, keine Aussicht auf eine rasche Bildung einer neuen Regierungskoalition - so sieht die neue Normalität nun auch in Berlin aus. Aber Deutschland ist kein normales Land. Seine politische Identität beruhte auf einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit und dem weithin gehegten Wunsch, dass Deutschlands Macht in eine gesamteuropäische Politik einfließt. Angesichts dessen sind die rechtsextremen Äußerungen, die die AfD nicht immer zu unterdrücken vermag, nicht nur sehr unappetitlich, sondern auch beunruhigend. Die Folgen dieser deutschen „Normalisierung“ dürften auch in der EU zu spüren sein.“

„De Standaard“, Brüssel

„Über Europa wird nicht nur die von Haus aus anti-europäische AfD einen dunklen Schatten werfen. Merkel muss eine Koalition schmieden mit der auferstandenen liberalen Partei, die von Europa ihre eigene strikte Lehrmeinung hat. Während ihrer letzten Regierungsbeteiligung - zu Zeiten der europäischen Hilfspakete für Griechenland - stimmte sie stets dagegen. Auch in diesem Wahlkampf war die FDP unverhohlen euroskeptisch. Für den (französischen Präsidenten) Emmanuel Macron hat sie nicht viel übrig. Morgen wird der seine ambitiösen Pläne für die Reform der Eurozone vorstellen. Er wird für einen starken Finanzminister, zusätzliche Befugnisse und einen eigenen Haushalt plädieren. In Berlin wird es Zähneknirschen geben. Dagegen kann Merkel kaum etwas tun. So beginnt die Führerin Europas in Deutschland ihre vierte und letzte Amtszeit mit zuwenig Macht, um den Kontinent noch mit einer großen Geste in Bewegung setzen zu können.“

„Magyar Memzet“, Budapest

„Während unter ihren großen Vorgängern Adenauer als Vater des vereinten Europa und Kohl als Schöpfer der deutschen Einheit in die Geschichte eingegangen sind, hat (Angela) Merkel derartige Taten nicht vorzuweisen. Mit dem Austritt der Briten bleibt nur noch Deutschland die entscheidende Kraft in der Europäischen Union, was nicht nur eine Chance, sondern auch eine riesige Verantwortung bedeutet. Wenn es nicht gelingt, die unter verrutschten Stimmen und inneren Grabenkämpfen leidende Integration aus dem toten Punkt zu holen, wenn das Auseinanderbrechen der EU sich weiter verstärkt, wird die Nachwelt dies Merkel zuschreiben. (...)

Mitteleuropa, und damit wir Ungarn, kann sich aber über Angela Merkels (Wahl-)Sieg freuen. Denn nach ihrer Lesart gehört unsere für Deutschland wichtige Region zum Kern (der EU). Auch Ungarns Regierung kann erleichtert sein, denn auf der politischen Palette Deutschlands kann sie immer noch von Mutti das meiste Verständnis erhoffen.“

„Rzeczpospolita“, Warschau

„Es ist schwer, einen wichtigeren Bezugspunkt in der polnischen Außenpolitik zu finden als Deutschland. Das Land ist stabil, berechenbar, verantwortungsbewusst und zweifelsohne freundlich. Können die Wahlen daran etwas ändern? Ich denke nicht. Unabhängig davon, welchen Koalitionspartner Angela Merkel wählt, bleibt Deutschland der wichtigste Staat der EU, ihre wichtigste Wirtschaft und Stabilisator der Politik in unserem Teil der Welt.

Die große Koalition mit der SPD, die nach ersten Erklärungen immer weniger wahrscheinlich ist, und die kleinere Koalition mit FDP und Grünen, unterscheiden sich nur in Details. Die Sozialdemokraten würden den Integrationskurs stärken und wären versöhnlicher gegenüber Putin. Die Liberalen unter der Führung des sehr vielversprechenden Christian Lindner stellen sich der Stärkung des europäischen Fiskalismus entgegen. Die Grünen unterstützen Merkel in der Frage der Sanktionen gegen Russland. Die AfD, die allgemeines Entsetzen hervorruft, (...) gewinnt nur Finanzmittel, denn auf einen soliden Platz in der Welt der realen Politik kann sie eher nicht zählen.“

„Rossijskaja Gaseta“, Moskau

„Die AfD wird die erste nationalistische Partei, die nach dem Zweiten Weltkrieg in das deutsche Parlament einzieht. Die westlichen Partner Berlins, vor allem die USA, Israel und auch die arabischen Staaten sind offenkundig schockiert angesichts der Rhetorik und Losungen der AfD. Doch die Befürchtungen mancher Experten, dass sich die Partei weiter radikalisieren könnte, sind unbegründet: In Deutschland wird jeder aufkommende Extremismus und Nationalismus streng überwacht.“

„Magyar Idök“, Budapest

„Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges und 70 Jahre nach Ende des zweiten Weltbrandes gibt es wieder eine deutsche Dominanz, obwohl Europa genau das verhindern wollte. Unseren Kontinent regiert heute die deutsche Industrie, das chinesische Kapital, die amerikanische Ideologie und - wenn auch immer weniger - das russische Gas. Die Gegenpole Deutschlands - Großbritannien und Frankreich - haben ihre Autorität verloren. Unser aller Schicksal hängt eigentlich von einem einzigen Menschen ab. Sein Name: Angela Merkel. (...)

Deutschland geht weiter auf dem Weg des kalten Pragmatismus. Das ist die Realität. Wir Europäer aber können nur darauf vertrauen, dass jede Berliner Führung nicht nur das deutsche, sondern auch die europäische Interesse leiten lässt.“

„theguardian.com“, London

„Der Aufstieg der AfD ist ohne Zweifel besorgniserregend. Und es ist ein Zeichen wachsender politischer Fragmentierung. Es bringt in Deutschlands föderale Politik ein Element von Gift und Polarisierung, das jedem, der einer liberalen Demokratie anhängt, nur zu denken geben muss.“

„washingtonpost.com“, Washington

„Gauland und andere AfD-Kandidaten machten während der gesamten Kampagne Schlagzeilen, die weithin als empörend wahrgenommen wurden. Doch einige ihrer Wähler äußerten am Sonntag die Hoffnung, dass dieses Profil ihrer Partei Merkel dazu zwingen wird, ihre Politik der jüngeren Vergangenheit zu ändern.“

„elpais.com“, Madrid

„Die Extremen beiseite - ein großer Teil der Deutschen hat für die Kontinuität gestimmt. Merkel steht noch immer für viele Bürger für Stabilität in einer zitternden Welt, bewohnt von Trump, Erdogan und Kim Jong Un. Sie steht für das notwendige Durchsetzungsvermögen und die Stärke, um den internationalen Herausforderungen die Stirn zu bieten.“