Berlin - Knaan Al S. senkt seinen Kopf: „Ich entschuldige mich, dass ich ihn geschlagen habe. Es war ein Fehler.“ Das Wort „Jude“ sei ihm „so rausgerutscht“, sagt der 19-jährige Syrer. Dienstagmorgen im Saal 700: Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten verhandelt über den antisemitischen Angriff, der bundesweit für Entsetzen gesorgt hat. Dem hageren jungen Mann wird der Prozess gemacht, weil er am 17. April einen israelischen Kippa-Träger im Prenzlauer Berg mit einem Gürtel verprügelte. Dabei schrie er „Yahudi! Yahudi!“, Arabisch für „Jude“. Die Staatsanwaltschaft geht von gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung aus.
Der erste Prozesstag wurde ungewöhnlich schnell, nach nur zwei Monaten anberaumt. Das Gericht will damit auch ein Signal setzen. Es sind Zuschauer aus den USA und Israel da, auch Vertreter der jüdischen Gemeinde. Der Medienandrang ist so immens, dass die Verhandlung kurzerhand in einen größeren Saal verlegt werden musste.
Knaan Al S. war vor drei Jahren als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen. Dort lebte er zunächst in Brandenburg, bevor er sich nach Berlin aufmachte. Er bezeichnet sich selbst als staatenlosen Palästinenser muslimischen Glaubens.
Ob das Wort „Jude“ für ihn als Schimpfwort gilt, will der Richter wissen. „Ja, es gilt als Schimpfwort, aber ich habe es nicht so gemeint“, sagt der junge Mann. Er habe „nur eine Person beschimpfen“ wollen „und nicht alle Juden. Ich hasse weder die Juden noch die Christen“. Er habe an jenem Tag gekifft und auch Ecstasy genommen. Zudem habe der Israeli seine Mutter beschimpft, da sei er sehr wütend geworden. „Ich fühlte mich im Recht“, erklärt Knaan Al S.
Das Opfer, der arabische Israeli Adam A., 21, wurde am Bauch, an der Lippe und am Bein verletzt. „Seelisch war es aber noch schlimmer als körperlich“, sagt er im Gerichtssaal, wo er als Nebenkläger auftritt. A. war drei Monate zuvor nach Berlin gekommen, wo er Tiermedizin studiert.
Heute fühle er sich in der Stadt nicht mehr sicher. „Ich würde die Kippa nicht mehr aufsetzen, wenn ich alleine bin.“ Er habe die Tat damals gefilmt, weil er hoffte, den Angreifer so abhalten zu können. „Aber ihm war das egal, er hat zugeschlagen.“ Das Video, das sich weltweit über die sozialen Medien verbreitet hatte, wird auch im Gerichtssaal gezeigt.
