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NWZonline.de Nachrichten Politik

Missbrauchsfälle ohne Ende

07.01.2020

Berlin An einem Januartag im Jahr 2010 machen sich in Berlin drei Männer, alle Mitte 40, auf den Weg in ihre frühere Schule, das katholische Canisius-Kolleg. Sie haben einen Termin mit dem Schulleiter, Pater Klaus Mertes, und wollen mit ihm darüber sprechen, was ihnen vor Jahrzehnten in der Schule angetan wurde, wie sie von zwei Patres bedrängt und missbraucht wurden. Dass sie an diesem 14. Januar eine Lawine lostreten, ist wohl keinem bewusst.

Der Brief

Mertes versichert den Männern, ihren Schilderungen zu glauben. Rund eine Woche später schreibt er einen Brief an ehemalige Schüler der 70er und 80er Jahre und ruft sie auf, sich zu melden, wenn ihnen Ähnliches widerfahren ist. In den kommenden Wochen melden sich mehr als 100 ehemalige Schüler. Und auch an anderen Schulen werden Fälle publik.

Schnell wird klar, dass das Ausmaß immens ist. Und dass Kirche und Politik handeln müssen. Die katholische Kirche setzt mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann einen Missbrauchsbeauftragten ein, der auch am von der Bundesregierung einberufenen Runden Tisch sitzt. Matthias Katsch, einer der drei Schüler, die sich zuerst gemeldet hatten, gründet zusammen mit anderen Betroffenen die Initiative „Eckiger Tisch“ .

Die Kirche

Seitdem ist viel passiert: Die katholische Kirche verschärfte ihre Leitlinien zur Prävention und zum Umgang mit Missbrauchsfällen mehrmals, ab 2020 sollen sie für alle Bistümer einheitlich und bindend werden. Betroffene können zudem eine Anerkennungszahlung beantragen. Die Bischöfe gaben eine Studie zum Missbrauch in der Kirche in Auftrag. Inzwischen gibt es in beiden Kirchen Anlaufstellen und Missbrauchsbeauftragte.

Die Politik

Auch die Politik beließ es nicht bei den Empfehlungen des Runden Tisches: Auf die schnell eingesetzte erste Missbrauchsbeauftragte, die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), folgte 2011 Johannes-Wilhelm Rörig. In diesem Jahr wurde das Amt entfristet. Rörig hat es noch immer inne, inzwischen berät ihn ein Betroffenenrat. Zudem gibt es eine unabhängige Aufarbeitungskommission, bei der sich bereits rund 1700 Opfer aus allen Bereichen gemeldet haben. Ein 2019 eingesetzter Nationaler Rat mit Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft soll noch stärker darauf achten, dass Beschlüsse und Vorgaben umgesetzt werden.

Die Opfer

Opfer von sexuellem Missbrauch haben inzwischen auch mehr Rechte vor Gericht. So brauchen sie bei einem Prozess nicht mehrfach auszusagen. Zudem wurden die zivilrechtlichen und vor wenigen Wochen auch die strafrechtlichen Verjährungsfristen bei Missbrauch verlängert. 2019 wurde zudem das Opferentschädigungsgesetz reformiert, sodass jetzt auch Betroffene von sexueller Gewalt leichter Hilfe und Unterstützung bekommen können.

Trotz aller Maßnahmen bleibt die Zahl der pro Jahr gemeldeten Missbrauchsfälle erschreckend hoch. Rund 14 600 gemeldete Fälle gab die polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2018 an. Rörig will deshalb 2020 eine große Aufklärungskampagne starten und mehr Menschen für das Thema sensibilisieren.

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