BERLIN - Atomkraft steht auf der Themenliste des G8-Gipfels in Toyako ganz oben. Gegen ihre eigene Meinung wird Bundeskanzlerin Angela Merkel dort die Position des deutschen Atomausstiegs verteidigen müssen.

Im Koalitionsvertrag hat ihr die SPD das Zugeständnis abgerungen, am rot-grünen Atomausstieg festzuhalten. Dieser wird mehr und mehr in Frage gestellt. Eigentlich sollen die 17 deutschen Atomkraftwerke (AKW), die derzeit einen Anteil von 22 Prozent an der Stromerzeugung haben, bis 2022 vom Netz gehen. Der

Energiepreisschock verschafft ihnen neue Akzeptanz. Kernkraft gilt als günstigere Alternative zu Öl, Windrädern oder Sonnenkollektoren. Steht sie vor der Renaissance? In der Bevölkerung sinkt der Rückhalt für den Ausstieg. Hatten ihn Ende 2007 in einer Infratest-Dimap-Umfrage noch 58 Prozent für richtig erklärt, sind es aktuell noch 51 Prozent.

Den Koalitionsstreit um die Kernkraft haben die hohen Preise längst neu angeheizt. „Atomsekte“, giften Sozialdemokraten in Richtung Union. „Preiserhöhungs-Partei“, tönt es zurück. Bislang hat die SPD den Ausstieg eisern verteidigt. Doch nun ließ SPD-Urgestein Erhard Eppler aufhorchen. Zwar will auch er die Atomkraft langfristig durch erneuerbare Energien ersetzen – für einen Übergangszeitraum kann er sich jedoch einen Kompromiss vorstellen: Längere Laufzeiten für bestehende Meiler, im Gegenzug eine Festlegung in der Verfassung, dass keine neuen AKW mehr gebaut würden.

Die CSU begrüßte sogleich, dass ein erster SPD-Politiker längere Laufzeiten unterstütze. Doch führende Sozialdemokraten mühten sich am Wochenende, den Eindruck zu zerstreuen, die SPD könnte umkippen. Zwar wird Eppler gerne als „Vordenker“ der Partei tituliert – dieses Mal jedoch wollen die Genossen seinen Gedanken nicht nach vollziehen. „Wir setzen auf regenerative Energien und nicht auf Atomkraft“, betonte Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) – und kündigte sogleich den Bau von 30 Windparks in Nord- und Ostsee an, in die Investoren jeweils rund eine Milliarde Euro steckten.

Auch die Grünen zeigten sich wenig kompromissbereit. „Herr Eppler fügt seinem ersten historischen Irrtum einen zweiten hinzu“, kritisierte der designierte Spitzenkandidat der Ökopartei, Jürgen Trittin, im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Als Entwicklungshilfeminister habe Eppler in den 60er-Jahren Atomkraftwerke als Mittel im Kampf gegen den weltweiten Hunger befürwortet. Nach dem er diesen Fehler eingesehen habe, schlage er nun längere Laufzeiten vor. Alte Meiler wie Biblis, Brunsbüttel oder Neckarwestheim seien jedoch anfällig und unsicher, so Trittin: „Sie müssen vom Netz.“