BERLIN - BERLIN - „Selbstfindungs-Quatsch“, der nicht mal Niveau der „Kreisklasse“ habe. So las Ex-Parteichef Franz Müntefering seinem Nachfolger Matthias Platzeck und seinen Kritikern im SPD-Präsidium die Leviten. Befindlichkeiten der Genossen, Kritik an seinem Politikstil, wischte der Vizekanzler brüsk beiseite. Der unabgestimmte Vorstoß für das Vorziehen der Rente mit 67 – mitten im Landtagswahlkampf – hat „Münte“ in seiner Partei und Bundestagsfraktion Punkte gekostet. „Wir müssen jetzt mühsam heilen, dass Müntefering zu einem dummen Zeitpunkt und ohne Absprachen so einen Vorstoß gemacht hat“, brachte Johannes Kahrs, Sprecher des konservativen „Seeheimer Kreises“ das Unbehagen mit dem Vorpreschen des Arbeitsministers auf den Punkt.

Der einstige Parteiliebling als „Basta“-Politiker im Kreuzfeuer. Die „Münte“-Kritiker sehen ihre Befürchtungen aus dem letzten Herbst bestätigt: In seiner Funktion als Vizekanzler exekutiere der Sauerländer die Politik der Großen Koalition – ohne Rücksicht auf die Wünsche der eigenen Partei. Müntefering seinerseits beharrt darauf, er habe die Möglichkeit des Vorziehens der Rente mit 67, die auch im Koalitionsvertrag auftaucht, oft genug in Interviews und Pressekonferenzen thematisiert. Partei und Bundestagsfraktion fühlten sich dennoch durch sein Vorgehen überrascht und genötigt.

Der Amtsverlust im Herbst – eine bittere Niederlage für den Sauerländer, die Matthias Platzeck ins Vorsitzendenamt katapultierte. Der Verlust des SPD-Vorsitzes („Das schönste Amt neben Papst“) nach nur 20 Monaten – ein Schock, von dem Müntefering sich noch nicht erholt habe, vermuten auch wohlmeinende Parteifreunde. In einer Art unbewältigtem Polit-Trauma des Amtsverlusts sehen manche den Antrieb für Münteferings „Basta“-Attitüde. „Er will allen zeigen, dass er noch immer die Richtung vorgibt“, formuliert ein SPD-Mann. Andere sehen in seinem „Umfeld“ – gemeint ist wohl Kajo Wasserhövel, der Müntefering als Staatssekretär ins Arbeits- und Sozialministerium gefolgt ist – die Kräfte hinter den Alleingängen des Ministers und Vizekanzlers. Als weiterer Erklärungsversuch wird die besondere Identifikation Münteferings mit der Großen Koalition ins Spiel gebracht: „Keiner hat sich so mit Haut und Haaren der Koalition verschrieben“.

Der Vizekanzler selbst wirkt überzeugt, dass er mit seiner Art letztlich auch der Partei hilft – die das nur nicht zu schätzen weiß.