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NWZonline.de Nachrichten Politik

Und der Oscar für den besten Wahlspot geht an...

07.09.2017

Berlin Ein Großteil der Wähler bildet bei den TV-Duellen der etablierten Parteien seine Meinung. Dabei finden die Fernsehhöhepunkte zur Bundestagswahl an ganz andere Stelle statt. Denn auch die Kleinstparteien unter den 42 Bewerbern für den Bundestag, die in der Wahlgrafik in der Regel unter „Sonstige“ zusammengefasst sind, haben Werbespots produziert. Kenner wissen, dass hier alle vier Jahre die wahren Perlen des Bewegtbildes zu finden sind. Die NWZ hat einen Blick in das Kuriositätenkabinett der diesjährigen Staffel gewagt und die besten Beiträge ausgezeichnet.

Beste Hauptdarstellerin: Menschliche Welt

Ein herrliches Mittelgebirgspanorama. Im Hintergrund zwitschern die Vögel. Die Welt leuchtet lebendig grün – im Gegensatz zur Spitzenkandidatin Sylvia Makowski, für die offenbar kein Scheinwerfer mehr zur Hand war. Mitten in dieser Idylle, welche die Partei „Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklich-Sein aller“ konstruiert, wirkt es umso aufrüttelnder, dass die Menschheit sich in einer „existenziellen Krise“ befinde.

Makowski warnt vor Kriegen, Atomwaffen in den Händen fragwürdiger Politiker und der „Zerstörung unserer natürlichen Umwelt“ – während man hinter ihr den Wald vor lauter Bäumen kaum sieht. Retten könne uns nur eine andere Einstellung. Wie schön, dass die Lösung so einfach ist: „Praktiken zur Achtsamkeit und Selbstverwirklichung wie Meditation und Joga, fördern solch eine Denk- und Handlungsweise.“

Während sie spricht, fragt man sich unweigerlich, ob Körper und Hände der Spitzenkandidatin tatsächlich zusammengehören. Sitzt hinter ihr vielleicht eine Art Puppenspieler, der seine Arme durch die Ärmel ihres Jacketts steckt. Immerhin erinnert die Art ihrer reduzierten Gestik stark an die Handpuppe „Karlchen“ aus der RTL-Fernseh-Historie. Was macht eigentlich Björn-Hergen Schimpf?

Beste Musik: Die Urbane. Eine HipHop Partei

Ohne „Ey-yo-yo-yo“ kein Hip-Hop. Das gilt auch für das Wahlkonzert der Partei “Die Urbane“. Doch der Plattenteller bleibt stehen. Die Menge beschwert sich. Dann der bedeutungsschwangere Satz ins Mikro von Parteigeneralsekretär „SirQlate“: „Deutschland, wir müssen reden.“ Die Menge jubelt.

Dann viele Gesichter mit vielen Statements: die modisch-verrückte Frau mit dem Hut; der bärtige mit dem Nasenring, der im letzten Moment noch grinsend den Daumen nach oben reckt; der ältere Mann, der so gar nicht nach Hip-Hop aussieht, aber offenbar Direktkandidat in Berlin ist und bei dem man sich fragt, wie weit er sein Business-Hemd aufgeknöpft hat, um zwischen den jungen Leuten cool zu wirken; und dann noch Starbesetzung: Mateo von „Culcha Cundela“ wirft sein politisches Gewicht in die Waagschale.

Die Message ist klar: Frieden, Bildung und Teilhabe für Jedermann. Und alle so „Ey-yo!“

Bestes Drehbuch: Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer

Auf echte Daily-Soap-Schauspielkunst setzt die V-Partei in ihrem Wahlwerbespot: Während Sigrid Ziegler alias Barbara Rütting („Die Geierwally“) ihr Testament formuliert, können sich in der zukünftigen Welt Tochter Angela alias Isabelle Hübner („Sturm der Liebe“) und die kleine Enkelin Anna das Grinsen über den Tod der alten Dame kaum verkneifen. Kein Wunder bei dem stattlichen Erbe: ein Haus an der Küste, edler Schuck und der Oberknaller – ein Lexikon der Tierarten.

Doch bevor die Korken knallen, kommt die dramatische Wendung. Durch den Klimawandel werde das Haus im Meer versinken, der Schmuck sei nutzlos im Krieg um Wasser (Special Effect: blutrote Tropfen im Wasserglas). Bleibt der olle Schinken aus dem Bücherregal. Doch durch das Artensterben wird es zum Geschichtsbuch, zerstört Oma die Freude.

„Mama, jetzt sind doch Wahlen, kannst du nicht auch die V-Partei wählen“, bringt Anna die Lösung. Für die vegetarischen Veganer wird Oma noch Bundeskanzlerin, lacht Barbara Rütting. Wenn ihre Rolle Sigrid Ziegler nicht schon gestorben wäre. Hier hakt das Drehbuch noch.

Beste Special Effects: Partei der Humanisten

Ein (auf den ersten Blick) Allerwelts-Parteien-Spot in der Aufmachung mit unzähligen lächelnden Menschen und erhobenen Daumen, aber garniert mit Knaller-Forderungen: für aktive Sterbehilfe, für die Legalisierung von Rauschmitteln, für die Entwicklung der EU zur Bundesrepublik.

Dazu gibt es Bilder von fliegenden Auto-Drohnen und schwebende 3D-Grafiken wie aus einem Star-Trek-Universum. Die Zukunft ist hell, gläsern und voller Grundschulkinder, die in Schuluniformen binomische Formeln auswendig können und bunte chemische Substanzen zusammenschütten.

Dazu das bildliche Nachtreten gegen die etablierten, rückständigen Parteien in Form von Gähnen und Däumchendrehen. Mit den Humanisten scheint die Welt kurz davor, diesen Planeten zu verlassen. Captain Kirk, übernehmen Sie.

Beste Daumen-Hoch-Parade: Magdeburger Gartenpartei

„Die Dunkelgrünen“, wie sie sich selbst nennen und damit also noch grüner als die Grünen sein wollen, setzen mit der Wahl ihres Hintergrunds schon optisch ein klares Zeichen, wofür sie stehen. Bäume und Wiese (Garten) sowie der Doppelturm des Doms (Magdeburg) ziehen die Blicke auf sich.

Dazu zentral, mittig, aufrecht: die deutschen Kleingärtner in ihrer wahren Pracht. Sie fordern (fast auswendig) mehr Grün auf allen Ebenen: mehr Grün in den Städten, mehr grüne Welle, mehr grüne Pfeile.

Dabei scheinen die Sprecher allerdings immer weiter zu schrumpfen. Spätestens bei Kandidat Nummer vier fragt sich der Zuschauer unweigerlich: Spricht da noch der Mensch – oder schon der Gartenzwerg? Am Schluss der Höhepunkt: der sechsfach erhobene Daumen. Großartig!

Bester Adolf-Scheitel: Die Rechte

Dramatische Musik, Menschenmassen (jedenfalls in dieser Kameraperspektive) auf der Straße, das Land am Abgrund. Schuld seien nur die Ausländer, die Homos und überhaupt alle anderen. Gut, dass der „deutsche Mann“ das Land wieder freikämpft. Die deutsche Frau hat für solchen Idiotenkram vermutlich nicht viel übrig.

Der deutsche Mann ist übrigens überwiegend streng nach adolfschem Vorbild gescheitelt, läuft gern aggressiv auf die Kamera zu und trägt die Spuren des Kampfes im Gesicht. Narben und Boxernasen sprechen dafür, dass die Protagonisten schon einige Schläge auf den Kopf bekommen haben. Das würde sowohl den Spot als auch die ganze Partei erklären.

Bester Text: Berpartei, die Überpartei

Ein Großbaustelle im Zeitraffer, das Symbol des Kapitalismus, das die Partei der linksalternativen Künstlerszene hier anprangert. Dazu der Gong der guten alten Tagesschau. „Hier ist die erste deutsche Bergpartei mit der Tagespredigt.“ Ein Seitenhieb auf die von fiesen Mainstream-Medien geprägte Gesellschaft.

Doch der Clou folgt in der Botschaft, die der Sprecher aus dem Off in Reimform schon beinah rappt. „Würden Sie sich mögen ohne Ellenbögen? Oder bleiben sie in einvernehmlicher Abscheu kleinlaut und kalt am Gehalt festgekrallt wie parfümierte Staubfänger im Amt für angewandte Arroganz?“

Der Sprecher scheint wütend, brüllt den Zuschauer an: „Laber keinen Lebertran, konformer Gnom“. Zuletzt der Appell: „Hört endlich auf“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Patrick Buck
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2114

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