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NWZonline.de Nachrichten Politik

Vom Drang, eine Dusche zu nehmen

05.10.2017

Berlin /Oldenburg Es gibt Tage, an denen möchte man nach dem Durchforsten der sozialen Netzwerke duschen. Um den Schmutz abzuwaschen. Um sich den Unflat von der Haut zu schrubben. Dieser Tage sind es nicht wenige Ostdeutsche, denen es so geht.

Nach der Bundestagswahl sind alle Dämme gebrochen. Wir Ostdeutsche sind zum Buhmann und zum Hassobjekt des Juste Milieu der westlichen Bundesrepublik geworden. Auf uns – das ist Konsens – kann man bequem einprügeln, ohne ernsthaften Widerspruch fürchten zu müssen.

Da schreibt der Journalist Hasnain Kazim auf Twitter, er könne Ostdeutsche nicht ernst nehmen, weil sie „mit nem Trabbi angeknattert kamen“ und heute „AfD wählen“. Der Komiker Jan Böhmermann meint, die Einheit hätte zutage gebracht, „was für spektakulär ignorante Asoziale“ es in Sachsen gebe. Der Sprecher des Erzbistums Köln vergleicht ebenfalls auf Twitter Menschen aus Sachsen mit Atommüll. Vorgeblich seriöse Zeitungen wie die „Welt“ pathologisieren in pseudowissenschaftlichem Duktus ostdeutsche Männer. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schließlich lässt einen ihrer Autoren die Ostdeutschen zu „Migranten“ erklären, die sich einfach nicht „integrieren“ wollen – ganz so, als ob die Ex-DDR erobertes Gebiet sei. Zudem schwadroniert Ralph Bollman von „Mischehen“, die Ost- und Westdeutsche eingehen würden. Der historische Analphabetismus, der dieser Wortwahl innewohnt, ist so erschütternd wie die bevormundende und spaltende Niederträchtigkeit des Elaborates insgesamt.

Solche Kübel voller Hass bleiben nicht ohne Wirkung, und diese Wirkung ist auch in Oldenburg zu spüren. Sei es auf der Straße, wenn einem Autofahrer mit Leipziger Kennzeichen nach einer brenzligen Situation „Du Ostidiot!“ nachgebrüllt wird. Sei es der Leserbriefschreiber, der sich wünscht, die Wiedervereinigung hätte es nie gegeben weil „es dann keine Kommentare von Ihnen in der Zeitung geben würde“.

Was wirft man uns Ostdeutschen also vor? Wir hätten die AfD stark gemacht heißt es. Nur: Auch im Westen gibt es AfD-Hochburgen. Was es nicht gibt, ist Häme und Hass gegen Deggendorfer, Gelsenkirchener und Heilbronner. Und dann sind da noch die Zahlen des Bremer BIJA-Institutes: Fast 68 Prozent der AfD-Wähler kommen aus Westdeutschland. Nur 4,1 Prozentpunkte ihres Ergebnisses holte sie im Osten, aber 8,5 Prozentpunkte im Westen.

Was also ist hier los? Die Antwort ist so traurig wie eindeutig: Es brechen sich alte Abneigungen Bahn, die zum einen mit Ignoranz und zum anderen mit Neid zu tun haben. Letzteres hängt mit den Transfers in die neuen Länder zusammen. Ersteres liegt an Alter und Herkunft des Milieus, in dem es Mode ist, den Ostdeutschen als dumpfen Rechtsradikalen zu diffamieren. Diese Leute sind in der Regel in den 70er Jahren groß geworden. In einer Zeit, als sich in der DDR jeder jeden Tag entscheiden musste, wie weit er der Diktatur entgegen kam oder sich widersetzte, war ihre größte Sorge, dass Mutti beim Sonntagseinkauf nicht das Nutella vergessen möge. Was da hinter der Mauer passierte, war und ist ihnen letztlich egal. Und hier liegt ein Versäumnis der Ostdeutschen: Wir hätten solchen Ignoranten rechtzeitig und lauter Nachhilfe erteilen müssen.

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