BERLIN - Früher nannte man Erhard Eppler gern einen Querdenker, weil sich der SPD-Politiker und Ex-Entwicklungshilfeminister nie opportunistisch vor der Masse verbeugte, damit sie ihm applaudiere. Querdenker war er, aber das greift zu kurz. Denn er war auch und vor allem Vordenker und Nachdenker. Eins war er nicht: Einfach.
Man sieht ihn heute in manchen Talk-Shows. Da redet er aktuell über die Atompolitik der SPD, Gesellschaft, über deren Zukunftsfähigkeit, er diskutiert über das Christentum, über Solidarität, gegen den Neoliberalismus und er redet für eine starke Politik, weil nur sie Zukunft gestalten könne. Man kann das Altersweisheit nennen, was der gelernte Studienrat da von sich gibt. Es sind nicht die gestanzten Worthülsen vieler anderer aus der aktiven Politik, sondern Sätze, die den Zuhörer zum Nach- und Mitdenken zwingen.
Wer Eppler vor Jahr und Tag bei einem Parteitag der SPD hörte, war erstaunt, mit welcher Überzeugungskraft der schmächtige Mann für die Reformpolitik des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder kämpfte. Ja, er warf sich für Schröder in die Bresche. Eppler, ein SPD-Linker, stritt für den Einsatz der Bundeswehr im Kosovo und in Afghanistan. Und er stritt für die Agenda 2010, die auch soziale Einschnitte für nicht wenige Bürger bedeuteten.
Was ist mit Eppler los? fragte man sich. Man kannte ihn ja noch aus den Regierungsjahren Helmut Schmidts, als er freiwillig aus dem Kabinett ausschied, weil er mit der Politik Schmidts nicht einverstanden war. Man hatte den Schwaben Eppler erlebt, wie er gegen den NATO-Doppelbeschluss und damit gegen die Außen- und Sicherheitspolitik Schmidts zu Felde zog. Da war Eppler mehr Mitglied der Friedensbewegung denn der SPD.
Damals wurde er mehr zum ungeliebten Außenseiter. SPD-Fraktionschef Herbert Wehner nannte ihn einen „Pietcong“, was wohl die Mischung aus schwäbischem Pietisten und vietnamesischen Untergrundkämpfer beschreiben sollte. Der SPD-Mitte-Rechts-Flügel, verkörpert in den 70-und 80er Jahren durch die Kanalarbeiter, die sich heute Seeheimer nennen, lehnte ihn völlig ab. Als die „Kanaler“ über die Friedenspolitik diskutierten, beendete Egon Franke, der Chef der Kanaler, die Debatte mit den Worten: „Epplert doch nicht so rum.“ Das Thema war beendet. So war das. Die Kanaler waren eine Macht in der SPD.
Dass er sich jetzt in die Atom-Debatte so heftig einmischt, hat nichts mit einer möglichen Wandlung Epplers zu tun. Nein, er sei nicht vom Saulus zum Paulus geworden, betonte er. Er habe lediglich mit seinem Vorschlag, die Laufzeiten der Meiler zu verlängern und im Gegenzug ein Bauverbot neuer AKWs ins Grundgesetz zu schreiben, diejenigen in der Union zum Schwur zwingen wollen, die von einem Comeback der Atomenergie träumten.
Tiefrot, hellgrün, humorlos, altbacken, oberlehrerhaft. Mag sein, dass er von jedem etwas verkörpert. Aber Erhard Eppler ist mehr denn je vor allem eine Stimme in der SPD, ja in der Gesellschaft, der man zuhört, die Gewicht hat.
Erhard Eppler wurde am 9. Dezember 1926 in Ulm geboren. Er war nach eigenem Bekenntnis seit 1944 Mitglied der NSDAP und Soldat im Zweiten Weltkrieg. 1956 ging er in die SPD. Eppler absolvierte ein Lehramtsstudium. Er war u.a. Mitglied des Bundestages und Minister in den Kabinetten Brandts und Schmidts, Mitglied im Vorstand der SPD und in deren Grundswertekommission. Eppler ist verheiratet und hat vier Kinder.
