BERLIN - Der Moment berührt ihn. Oskar Lafontaine ist gekommen, um Abschied zu nehmen. Er habe den Parteivorstand informiert, dass er nicht „mehr als Parteivorsitzender kandidieren werde“, verkündet der Saarländer am Sonnabend kurz nach ein Uhr mittags in nüchternen Worten seinen Rückzug aus der ersten Reihe. Lafontaine kehrt der Bundespolitik den Rücken, legt auch sein Bundestagsmandat nieder. „Ausschließlich gesundheitliche Gründe“ habe dies, versichert der 66-jährige gleich mehrmals. „Der Krebs war ein Warnschuss, den man nicht so ohne Weiteres wegstecken kann“, betont er.

Im „Rosa-Luxemburg-Saal“ der Berliner Parteizentrale drängen sich Journalisten und Kamerateams. Als Gregor Gysi den Noch-Parteichef schließlich in den höchsten Tönen lobt und als „nicht ersetzbar“ bezeichnet, ringt Lafontaine sichtlich um Fassung. Es ist der politische Paukenschlag des Wochenendes. Zwei Monate nach seiner Krebs-Operation zieht sich Lafontaine zurück an die Saar: Die Partei mit der offiziellen Bezeichnung „Die Linke“, gerade einmal zweieinhalb Jahre alt, muss sich eine komplett neue Führungsspitze suchen. „Eine Zäsur“, umschreibt ein Vorstandsmitglied die Lage nach Lafontaines Entscheidung. Co-Parteichef Lothar Bisky will beim Parteitag nicht noch einmal antreten. Und auch Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch verabschiedet sich, nach verlorenem Machtkampf mit dem Saarländer.

Der Partei stehen schwere Zeiten bevor. Auch wenn mit WASG-Gründer Klaus Ernst und den früheren PDS-Politikerinnen Gesine Lötzsch und Petra Pau bereits erste Namen für die Parteispitze gehandelt werden.

Gregor Gysi scheint all das zu ahnen. Mit bleichem Gesicht sitzt er neben Lafontaine. Auf Gysi könnte es jetzt ankommen. Er wird die Gespräche mit den Landeschefs führen, die personelle Neuaufstellung für die Nach-Lafontaine-Ära vorantreiben. Gysi will nicht ausschließen, noch einmal selbst die Führung in der Partei zu übernehmen.

Auch wenn er jetzt Abschied von der großen Politik nimmt: Lafontaine richtet den Blick nach vorn. „15, 16 Prozent“ seien künftig drin für seine Partei. Und wie steht er Bündnissen mit der SPD gegenüber? Lafontaine, über Jahre Reizfigur für die Sozialdemokraten, schießt Giftpfeile: Die Linke solle es nicht darauf anlegen, sich der SPD anzupassen, rät er. Sonst werde die Partei das gleiche Schicksal erleiden wie die Sozialdemokraten. Dabei kommen längst Lockrufe von SPD-Seite, jetzt den Schulterschluss zu suchen. Wohin steuert die Linke? Wird der scheidende Parteichef zum „Orakel von der Saar“? Lafontaine lächelt vielsagend.