BERLIN/PEKING -

Redaktion Berlin

BERLIN/PEKING - Die Nachricht wurde in den Tagesschau-Sendungen des 13. Juni prominent platziert – quasi in eigener Sache. Der Chinese Fu Xiancai, Kritiker des riesigen Drei-Schluchten-Staudamms am Jangtse und deshalb im Mai Interviewpartner des ARD-Chinakorrespondenten Jochen Graebert, sei als Folge eines Überfalls unbekannter Schläger im Krankenhaus. Er werde Schultern abwärts gelähmt bleiben. Schnell schien klar, hier haben die Machthaber in China einen Regimefeind mundtot machen wollen.

Gestern nun kam aus Peking eine ganz andere Meldung. Laut einer rechtsmedizinischen Untersuchung der chinesischen Polizei ist Fu Xiancai für seine erlittenen Verletzungen selber verantwortlich. Die Lähmung sei das Ergebnis eines Sturzes, den er herbeigeführt habe. Sofort wurden Zweifel laut. Für die in New York ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights in China (HRIC) ist fraglich, ob die Untersuchung der chinesischen Behörden rechtmäßig abgelaufen ist. Die Organisation forderte eine unabhängige Prüfung. Schließlich hatte Fu Xiancai von einem Überfall berichtet. Wegen des ARD-Interviews vom 19. Mai sei er am 8. Juni in der Polizeistation seines Wohnorts verhört worden. Auf dem Rückweg habe ihm irgendjemand von hinten mit einer Stange in den Nacken geschlagen.

Die Reaktionen in Deutschland waren heftig. NDR-Intendant Jobst Plog übermittelte dem chinesischen Botschafter in Deutschland ein Protestschreiben. „Es steht außer Zweifel, dass der Überfall ein Racheakt unter anderem wegen seiner Äußerungen im Deutschen Fernsehen war“, schrieb Plog im Juni. Auch die Bundesregierung zeigte sich äußerst besorgt. „Wir werden alles tun, um dem Mann zu helfen“, versprach ARD-Korrespondent Graebert. Spenden wurden gesammelt, um dem mittellosen Regimekritiker eine lebensrettende Operation zu ermöglichen. Ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Peking übergab die benötigten rund 6000 Euro.

Gestern blieb man in Berlin ob der neuen Meldungen aus China skeptisch. Die Aufklärung des Falles bleibe für die Bundesregierung ein wichtiges Anliegen, teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes mit. Die Botschaft sei angewiesen, einen Bericht zu erstellen. Das erscheint indes nicht einfach. Dem Arzt der deutschen Botschaft, der Fu Xiancai untersuchen wollte, war schon einmal der Zugang zu dem Mann verwehrt worden. Der Gelähmte selbst sei „außer sich“ gewesen, als er das offizielle Untersuchungsergebnis erfuhr, berichtete Fu Xiancais Sohn Fu Bing gestern. Auch er will den für Peking bequemen Bericht nicht akzeptieren.