BERLIN -
und Gerd Reuter
BERLIN - Im Rückblick auf Rainer Barzel sind vielen vor allem seine Niederlagen in Erinnerung. Der in der Nacht zu Sonnabend im Alter von 82 Jahren gestorbene CDU-Politiker war der Verlierer des ersten konstruktiven Misstrauensvotums gegen einen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Zwei Stimmen fehlten dem CDU/CSU-Herausforderer am 27. April 1972, um an Stelle von Willy Brandt ins Kanzleramt einzuziehen. Heute weiß man, dass die DDR-Staatssicherheit damals mindestens einen CDU-Abgeordneten mit 50 000 D-Mark „gekauft“ hatte.1984 gab Barzel sein Amt als Bundestagspräsident wegen angeblicher Verwicklungen in die Flick-Spendenaffäre auf. Zuvor war bekannt geworden, dass der Flick-Konzern an eine Frankfurter Anwaltskanzlei, für die auch Barzel tätig gewesen war, in den 70er-Jahren rund 1,7 Millionen D-Mark an Beraterhonoraren überwiesen hatte. Barzel wehrte sich entschieden, aber letztlich vergebens gegen die vermutete Verbindung der Überweisungen mit politischen Entscheidungen.
Mit der Aufgabe des Amtes des Bundestagspräsidenten wurde Barzels endgültige Niederlage im jahrelangen Konkurrenzkampf mit Helmut Kohl offensichtlich. 1987 verabschiedete sich der streitbare Politiker nach 30 Parlamentsjahren ins Privatleben. Er meldete sich immer wieder mit Sachbüchern oder in Talkrunden zu Wort. Doch mit der Wiedervereinigung wurde es still um Barzel, der nach dem Krieg zeitweise einer der einflussreichsten Politiker gewesen war.
In den 50er-Jahren war Barzel zunächst Berater bei NRW-Ministerpräsident Karl Arnold. 1957 wurde der promovierte Jurist erstmals in den Bundestag gewählt. Ende 1962 wurde er als „Benjamin“ im 5. Kabinett Adenauer Minister für Gesamtdeutsche Fragen. 1963 übernahm er – zunächst für ein Jahr kommissarisch – den Vorsitz der CDU/CSU-Fraktion. Unter der Kanzlerschaft von Ludwig Erhard gelang es dem jungen, ehrgeizigen Barzel, eigentliche Schaltstelle der Regierungspolitik zu werden.
In der Großen Koalition vom Herbst 1966 an arbeitete er eng mit dem damaligen SPD-Fraktionschef und späteren Kanzler Helmut Schmidt zusammen. Gegen die sozial-liberale Koalition konnte er eine schlagkräftige Opposition organisieren. Barzels Karriereweg führte steil nach oben. 1971 konnte er sich gegen seinen in der rheinland- pfälzischen Provinz aufstrebenden Konkurrenten Kohl bei der Wahl zum CDU-Vorsitzenden noch durchsetzen.
Mit der Niederlage beim Misstrauensvotum verließ Barzel dann die politische Fortune. Er konnte zwar noch dafür sorgen, dass die Ost-Verträge im Parlament nicht scheiterten. Aber in den eigenen Reihen hatte man ihm bereits die Gefolgschaft versagt: Während Barzel Zustimmung empfahl, entschied die Fraktion sich für Enthaltung.
Als die CDU/CSU im Bundestag ihrem Chef auch beim deutschen UN-Beitritt nicht folgen wollte, trat Barzel im Mai 1973 vom Vorsitz zurück. Im Juni gab er dann auch den Parteivorsitz an Kohl ab. Dieser zählte sicher nicht zu seinen engsten Freunden, holte ihn aber 1982 als innerdeutschen Minister in sein Kabinett. Ein Jahr später wurde Barzel für kurze Zeit noch Bundestagspräsident.
Bittere Schläge musste der im ostpreußischen Braunsberg geborene ehemalige Jesuiten-Schüler auch privat hinnehmen. Seine erste Frau Kriemhild starb 1980 nach über 30 Ehejahren an Krebs. Drei Jahre zuvor hatte sich die einzige Tochter Claudia das Leben genommen. 1982 heiratete Barzel Helga Henselder aus der Familie des Autofabrikanten August Horch. Die spätere Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe verunglückte im Dezember 1995 mit dem Auto tödlich.
1997 heiratete Barzel die Schauspielerin und Regisseurin Ute Cremer und zog in die Nähe von München. Bei der Vereidigung von Angela Merkel als Kanzlerin vor neun Monaten saß der von seiner Krankheit sichtlich gezeichnete Barzel auf der Ehrentribüne des Bundestags.
