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Sexueller Missbrauch „Das Schweigen der Anderen“


 Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission, präsentiert den Bericht zu sexuellem Kindesmissbrauch
Carstensen

Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission, präsentiert den Bericht zu sexuellem Kindesmissbrauch

Carstensen

Berlin - Es gehört Mut zu solch einem Auftritt. „Wir müssen erfahren, warum das immer so weitergeht“, sagt Hjördis Wirth und mahnt: „Ohne die Aussagen der Betroffenen gibt es keine Aufklärung der Verbrechen.“ Wirth wurde als Kind selbst sexuell missbraucht. Sie ist eine von rund 1700 Opfern sexualisierter Gewalt, die sich der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs“ offenbart haben. In Anhörungen oder niedergeschriebenen Erlebnissen haben sich die Mitglieder des Gremiums mit den Strukturen sexualisierter Gewalt befasst.

Zehntausende Fälle

Am Mittwoch legten die Experten in Berlin ihren ersten Zwischenbericht vor. „Das ist ein sehr aufwühlender Tag“, bekennt Sabine Andresen. Die Frankfurter Sozialpädagogik-Professorin ist Vorsitzende der Kommission, und sie schildert die schwierige Aufgabenstellung: „Wir müssen ergründen, welche Strukturen verhindern, dass Kindern in solch einer Situation geholfen wird.“

2018 sind laut Kriminalstatistik 13 863 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs gemeldet werden. Das sind 833 mehr als 2017. „Während wir hier sprechen, werden weiter Kinder missbraucht“, warnt Andresen. Nach ihren Angaben werden 53 Prozent der Kinder innerhalb der eigenen Familie missbraucht. 83 Prozent der Opfer sexualisierter Gewalt sind weiblich. „Vielfach sprechen Betroffene schon als Kinder. Aber sie werden nicht gehört“, sagt Andresen und spricht vom „Schweigen der Anderen“.

Dieses Schweigen zu durchbrechen, hat sich die Unabhängige Kommission zum Ziel gesetzt. Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Universität Hamburg und Mitglied der Expertenrunde, nennt Forderungen: zum Beispiel das Netz an fachspezifischen Beratungsstellen ausbauen, Betroffenen den Zugang zu psychotherapeutischer Hilfe auf Kosten der Krankenkassen erleichtern. „Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Wende im Umgang mit sexualisierter Gewalt“, so Briken.

Neue Schwerpunkte

Gerade erst war im westfälischen Lütge ein Fall von jahrelangem Missbrauch bekannt geworden – vor den Augen der Behörden. Von „Machtstrukturen und Machtmissbrauch“ spricht Andresen. Ziel der Kommission ist es, in den kommenden Jahren einen Leitfaden zu erarbeiten, wie betroffene Institutionen Missbrauchsstrukturen aufdecken. Denn die Aufarbeitung fällt schwer. „Das hat sich in den beiden Kirchen gezeigt, aber auch bei den Missbrauchsfällen in den Kinderheimen“, sagt Kommissionsmitglied Brigitte Tillmann, ehemalige Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main. „Der heutige Tag ist der Beweis, dass es richtig war, diese Kommission 2016 einzurichten“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexualisierten Kindesmissbrauchs.

Für fünf weitere Jahre wurde der Auftrag der Experten-Kommission jetzt vom Bundeskabinett verlängert. Tillmann nennt drei neue Schwerpunkte der weiteren Arbeit: „Der Missbrauch in Vereinen des Freizeit- und Leistungssports, in Behinderteneinrichtungen sowie die pädosexuelle Szene in der alternativen Bewegung im Berlin der 70er Jahre.“ Missbrauchsopfer Hjördis Wirth sieht es so: „Die weitere Arbeit der Kommission bedeutet für uns alle Hoffnung.“

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