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Redaktion Berlin

BERLIN - Andere diskutieren noch über den Wahlkampf im Osten, Dirk Niebel ist schon da. Dieser Tage tourt der FDP-Generalsekretär durch Pasewalk, Bergen, Binz, Belzig, Treuenbrietzen und Bautzen. In seinen Worten: „Ich gehe dahin, wo’s schwierig ist.“ Der 42 Jahre alte Niebel gilt als Hoffnung seiner Partei, als redlich, kundig, glaubwürdig. Er war selbst Arbeitsvermittler, er kennt die Paragraphen und die Praxis, darum soll er nun vor Ort erklären, warum die FDP die Bundesagentur für Arbeit auflösen und AB-Maßnahmen streichen will.

Seine Sommerreise führt Niebel in „Regionen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit“, führt ihn am Dienstag zunächst nach Pasewalk im Kreis Uecker-Randow, der sich dicht an Polen schmiegt. 80 000 Menschen leben im Kreis, offiziell ist ein Drittel von ihnen arbeitslos, das ist bundesdeutscher Rekord. Niebel kommt hierher „zum Zuhören und Lernen“, er wolle mit Arbeitslosen ins Gespräch kommen. Mit Jörg Görl zum Beispiel, der das aufgelassene Bahnbetriebswerk zu „Herberge, Kulturzentrum und Museum“ gemacht hat: Bands treten hier auf, Schulklassen lockt die Nacht im Schlafwagen, Bahnfans reisen bis aus Kanada wegen der historischen Züge und des Honecker-Waggons an.

Görl ist Diplom-Ingenieur und Vorsitzender des Vereins „Lokschuppen/Pomerania e.V.“. Er ist von dem Projekt überzeugt und nimmt als unabänderlich, was Niebel stört: dass hier seit 1997 vorwiegend ABM-Kräfte arbeiten, dass es nur eine feste Stelle gibt und kaum jemand aus dem Lokschuppen in den ersten Arbeitsmarkt gelangt. Belustigt erzählt Görl, dass er einmal beim Arbeitsamt Lokschlosser zur Sanierung einer Dampflok anforderte: „Geschickt haben sie uns Kindergärtnerinnen.“ Niebel ist irritiert, Görl bleibt gelassen, weiß indes: „Für unsere Region wäre die Abschaffung der ABM eine Katastrophe.“

So wird sich das fortsetzen an diesem Tag, Niebel und die Arbeitslosen sprechen aneinander vorbei. Für die Menschen in Pasewalk ist der erste Arbeitsmarkt so real wie der Yeti. „Wo soll der sein?“, fragt etwa Gerda Stricker, die Geschäftsführerin des örtlichen Arbeitslosenverbandes. Stricker hat damit eine Möbelbörse aufgebaut, eine Tischlerei, eine Näherei, eine Kleiderkammer und die Suppenküche. „Da haben Sie sich also einen Mikrokosmos geschaffen?“, fragt Niebel jovial. „Wir helfen sozial schwachen Menschen“, antwortet Stricker. Sie weiß, dass ihr Verein nicht wirtschaftlich arbeiten kann.

Die Reportage über Dirk Niebel ist der Auftakt einer Reihe von Berichten über die Manager der großen Parteien im Wahlkampf.