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NWZonline.de Nachrichten Politik

Strippenzieher auf Europatour

17.05.2019

Berlin Seitdem Steve Bannon nicht mehr der Einflüsterer des mächtigsten Politikers der westlichen Welt ist, hat er viel Zeit. Zeit, die der 65-Jährige nutzt, um Rechtspopulisten in ganz Europa zu beraten. Er hofft auf ein politisches „Erdbeben“ nach der Europawahl. Das ist sein Ziel. Da will er dabei sein. Auch die im Herbst anstehende Landtagswahl in Sachsen interessiert ihn sehr.

Jetzt also Berlin. Wenn der frühere Chefberater von US-Präsident Donald Trump aus dem Fenster seines Hotelzimmers schaut, blickt er auf die Kuppel des Reichstagsgebäudes. In Weimar hat er den AfD-Spitzenkandidaten für die Europawahl, Jörg Meu­then, kennengelernt.

Missionarischer Eifer

Warum ist es für Bannon als US-Bürger überhaupt wichtig, welche Parteien im Europäischen Parlament vertreten sind? Bannon sagt, seine Herkunft habe ihn zum Populisten gemacht. Er ist ein Populist mit großem missionarischen Eifer. „Ich komme aus einer typischen amerikanischen Arbeiterfamilie. Mein Großvater war ein Leitungsmonteur bei der Telefongesellschaft, und mein Vater hat diesen Job auch 50 Jahre lang gemacht. Deswegen habe ich nach meiner Karriere in der Finanzbranche alles daran gesetzt, überall auf der Welt die populistische Bewegung zu unterstützen, egal ob das in Brasilien war oder jetzt in Europa oder Asien.“

Ob er glaubt, dass den Menschen heute stärker als zu Zeiten des Trump-Wahlkampfes bewusst ist, dass es Desinformationskampagnen gibt? Schulterzucken. Bannon sagt: „Dass sich Menschen von Nachrichten angezogen fühlen, die sie unterstützen, ist ganz normal. Ich denke nicht, dass das eine schlechte Sache ist. Ich bin auch der Meinung, dass diese Sache mit ,Fake News‘ total übertrieben dargestellt wird. Und zwar nur, weil die Linke jetzt verliert.“

Einige AfD-Mitglieder hat Bannon schon getroffen. Doch welche anderen deutschen Politiker kennt er, abgesehen von Bundeskanzlerin Angela Merkel? Viele scheinen es nicht zu sein. Bannon sagt: „Ich möchte mich nicht in innenpolitische Dinge einmischen, aber ich denke, es gibt einige Leute im Umfeld von Merkel, Herrn Spahn und andere, die sehr beeindruckend sind.“ Mindestens einen gemeinsamen Bekannten haben Bannon und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): US-Botschafter Richard Grenell, der mit seinen schroffen Ansagen in Berlin schon mehrfach angeeckt ist.

Bannon wird oft vorgeworfen, er setze in seinen Kampagnen vor allem auf ein Gefühl: Angst. Auch jetzt in Berlin warnt er: „Es wird erhebliche wirtschaftliche Veränderungen in Deutschland geben.“ Und er glaubt, dass das vor allem mit China zu tun habe, wo Arbeiter wie „Sklaven“ von der Kommunistischen Partei ausgebeutet würden. Deshalb findet es Bannon gut, dass Trump im Handelsstreit mit China auf Eskalation setzt.

Umso ärgerlicher ist es aus Bannons Sicht, dass ausgerechnet Italien, das er als Brückenpfeiler des europäischen Populismus ansieht, Teil des umstrittenen chinesischen Projekts „Neue Seidenstraße“ werden will.

Treibende Kraft

Italiens Innenminister Matteo Salvini und Meuthen seien die treibende Kraft hinter der eurokritischen Populisten-Allianz, die nach der Europawahl entstehen soll. Neben der AfD und der italienischen Lega wollen sich dieser neuen Fraktion unter anderem auch der französische Rassemblement National von Marine Le Pen und die österreichische FPÖ anschließen.

Einige Beobachter vermuten, dass Bannon hier der große Strippenzieher ist. Er weist das von sich: „Ich bin nur ein Amerikaner, der hier ist, um zu tun, was ich kann, um Verbindungen herzustellen und um Leute zu motivieren. Aber es war eigentlich Professor Meuthens Idee.“ Bannon sagt: „Wenn der Trend so bleibt, wie er jetzt ist, dann könnten künftig 33 bis 35 Prozent der Abgeordneten Mitglieder von Souveränitäts-Bewegungen sein. Das wird ein Erdbeben in Brüssel auslösen.“ Er lacht.

Doch ist es nicht merkwürdig, wenn Parteien, die auf Nationalismus setzen und auf nationale Souveränität pochen, einen Berater wie Bannon haben, der von einem anderen Kontinent kommt? Bannon winkt ab. „Ich bin kein Berater. Ich bin nur ein Beobachter. Wenn Leute meine Meinung hören wollen. Ich reise jetzt nach Frankreich.“

Neben Meuthen hat Bannon diese Woche auch einen AfD-Politiker getroffen, der international bislang nicht bekannt ist: Tino Chrupalla. Der Malermeister aus Sachsen hat bei der Bundestagswahl 2017 den Wahlkreis Görlitz gewonnen – gegen den damaligen CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer. Fünf Stunden lang habe er sich mit Chrupalla unterhalten, mithilfe eines Übersetzers, erzählt Bannon. Er sagt: „Ich fand ihn charismatisch, sehr beeindruckend.“

Bannon muss los. Ein Fernsehsender wartet. Im Juni will er wieder in Deutschland sein – und Chrupalla in seinem Wahlkreis besuchen.

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