Berlin - Am Ende gibt es ein Gruppenfoto mit der Kanzlerin und ihrer typischen Raute. Eine Stunde lang haben die vier Internet-Stars Angela Merkel gelöchert, ihr Fragen aus der Netzgemeinde gestellt, vergeblich versucht, die Regierungschefin aus der Reserve zu locken, sie womöglich auf dem falschen Fuß zu erwischen.

Es ist Wahlkampf, und auch die Jugend soll gewonnen werden hier beim Live­stream im schicken YouTube-Studio in Berlin-Tempelhof. Sechzig Minuten Merkel, live und ungeschnitten. Die Fragen kommen diesmal nicht von erfahrenen TV-Journalisten, sondern von MrWissen2go, ItsColesLaw, AlexiBexi und Ischtar Isik – die vier Fragezeichen aus der Bloggerwelt sind Stars im Netz, deren Fangemeinde mehr als drei Millionen Abonnenten zählt. Mehr als 50 000 folgen an den Rechnern, Tabletts und Smartphones der Debatte.

„Hallo Frau Bundeskanzlerin, oder ist Frau Merkel okay?“, sagt die 22jährige ­ItsColeslaw, die eigentlich Lisa Sophie heißt, zur Begrüßung. Und natürlich ist für die CDU-Chefin Frau Merkel „absolut okay“. Normalerweise scheut sich die Philosophiestudentin im Netz nicht, auch schon mal über Tabuthemen zu reden. Im Interview mit Merkel verzichtet sie lieber darauf.

Das Themenspektrum reicht von Armut und Soziale Gerechtigkeit, Bildung, Ehe für alle, Politikverdrossenheit Abgasaffäre und Dieselgipfel über Feminismus, Sexismus, Flüchtlingspolitik, bis hin zu Air Berlin, zur Türkei-Krise und dem sich zuspitzenden Nordkorea-Konflikt und wird im Eiltempo abgearbeitet.

Merkel lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Immerhin: Sie verrät, dass sie die Kommunen mit besonders hoher Abgasbelastung am 4. September zu einem Gipfel ins Kanzleramt eingeladen hat. Die Kanzlerin macht die Diesel-Affäre zur Chefsache.

Doch gibt es Themen, die dem jungen Publikum deutlich wichtiger sind. Müssen wir Angst vor einem Dritten Weltkrieg haben, angesichts der Eskalation in Nordkorea?, lautet eine der drängenden Fragen aus der Netz-Community, und die Kanzlerin gibt vorsichtig Entwarnung. „Ich würde antworten Nein“, sagt Merkel und stellt klar, dass es keine militärische Lösung für diesen Konflikt zwischen Pjöngjang und Washington gebe. Doch Merkels Worte überzeugen die Zuschauer offenbar nur wenig. 49 Prozent, so eine Blitzumfrage am Ende des Interviews, fürchten sich vor einem Krieg.

Wächst in Deutschland die soziale Ungerechtigkeit? Geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, wie in einer der Videoeinspielungen gewarnt wird? Nein, Merkel winkt ab, lobt das soziale Netz und den Mindestlohn, verweist auf die Grundsicherung und verspricht weitere Anstrengungen, um Lücken zu schließen.

Und schließlich gibt es auch noch Persönliches: Mit welchem Spruch sie ein T-Shirt selbst bedrucken würde, will AlexiBexi, alias Alexander Böhm, von der Kanzlerin wissen. „Ach Du liebes Bisschen!“, zeigt sich Merkel überrascht, überlegt und antwortet schließlich: „Mit einer schönen Meereswelle.“