Berlin - „Mit mir als Bundeskanzler wird es einen Neustart in der Pflege geben“, verspricht SPD-Chef Schulz am Montagabend in der „ARD-Wahlarena“ die notwendigen Weichenstellungen bereits in den ersten 100 Regierungstagen. „Mehr Personal in der Pflege, eine bessere Bezahlung der Pfleger und mehr Plätze für Pflegebedürftige“, fährt der SPD-Kanzlerkandidat fort, skizziert ein Drei-Punkte-Programm. Um 30 Prozent sollten die Löhne der Fachkräfte steigen.

Schulz liefert sich in diesen Tagen mit Kanzlerin Angela Merkel einen Wettbewerb um das beste Konzept gegen Pflegenotstand in Deutschland. Kein Townhall-Meeting, keine Wahlarena mit Kanzlerin und Kandidat ohne drängende und besorgte Fragen zum Thema. Auf den letzten Metern des Wahlkampfes entdecken beide die Pflege für sich, schärfen ihr Profil und gehen dabei zum Teil deutlich über die Wahlprogramme ihrer Parteien hinaus. Das Wahlkampf-Finale ist die Stunde der vollmundigen Ankündigungen.

„Die Bezahlung ist im Hinblick auf die Belastungen, die dieser Beruf mit sich bringt, nicht angemessen“, sagte die Kanzlerin am Wochenende in einem Interview. „Wir müssen daran arbeiten, dass die Gehälter schrittweise weiter steigen.“ Auch bei den Personalschlüsseln seien Verbesserungen notwendig: „Viele Pflegekräfte sagen uns: Wir würden viel lieber mehr Zeit für die Menschen haben. Deshalb wollen wir die Personalschlüssel überarbeiten.“

Vergangene Woche saß der Kanzlerin in der „ARD-Wahlarena“ Alexander Jorde gegenüber, ein Pflegeschüler. Der junge Mann fasste sich in der Debatte mit der Kanzlerin ein Herz. „In Artikel 1 des Grundgesetzes steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar“, erinnert der 21-Jährige. Er erlebe im Krankenhaus und in Altenheimen, dass die Würde der Menschen dort tagtäglich „tausendfach verletzt wird“, viele würden stundenlang in ihren Ausscheidungen liegengelassen. Es gebe Schichten, da sei man mit 20 Patienten pro Pflegekraft allein. Was denn die Kanzlerin gegen den Pflege-Notstand zu tun gedenke? Sie könne ihm nichts versprechen, entgegnet Merkel. Aber es werde mehr Standard in die Pflege kommen. Dafür habe die Bundesregierung Beiträge erhöht.

Der Verweis auf die zurückliegende Pflegereform, die neben einem neuen Begutachtungssystem und der vollen Einbeziehung von Demenzkranken vor allem fünf Milliarden Euro mehr für die Pflege gebracht hat, reicht erkennbar nicht aus, um kurz vor der Wahl im TV-Studio zu überzeugen. An Personalmangel und schlechter Bezahlung in der Pflege hat die Reform schließlich nichts geändert. Der Aktionismus der Kontrahenten steht in scharfem Kontrast zu den doch eher vage gehaltenen Pflege-Passagen in den Wahlprogrammen von Union und SPD.