BERLIN - Verdrängt, verleugnet, vergessen – mehr als ein halbes Jahrhundert kümmerte niemand das Schicksal der Millionen Zwangsarbeiter. Wenn Bundespräsident Horst Köhler an diesem Dienstag zu einer Feierstunde ins Schloss Bellevue lädt, wird die letzte große Entschädigungsleistung für die Opfer des Nazi-Regimes und damit ein besonderes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte abgeschlossen.

Die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ hat fast 1,7 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter mit 4,4 Milliarden Euro entschädigt. Einen Schlussstrich unter diese schlimme deutsche Vergangenheit bedeutet das freilich nicht.

1998, mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes, kamen Anstöße von zwei Seiten. Der SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder kündigte einen Entschädigungsfonds an. Zugleich gerieten deutsche Konzerne in den USA unter Druck. Sie sahen sich von Sammelklagen bedroht.

Im Februar 1999 verständigte man sich auf einen Stiftungsfonds. Fast ein Jahr verging, bis man sich auf ein Stiftungskapital von zehn Milliarden Mark (5,1 Milliarden Euro) einigte, das je zur Hälfte vom Staat und der Wirtschaft aufgebracht werden sollte.

Doch der Verhandlungsführer der Wirtschaft, Manfred Gentz (Daimler-Chrysler), hatte Mühe, das Geld einzutreiben. Viele Firmen entzogen sich ihrer Verantwortung. Andererseits traten erst nach dem Krieg gegründete Unternehmen – wie etwa SAP – der Stiftungsinitiative der Wirtschaft bei. Zum Schluss waren es 6500.

Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Jeden Monat starb ein Prozent der hochbetagten Opfer. Aber immer neue Probleme verzögerten die Auszahlungen. Gemessen an ihrem Leid waren die Entschädigungen bescheiden. Die Opfer erhielten, je nach Kategorie, 5000 bis 15 000 Mark. Doch für viele war es wichtig, endlich Anerkennung zu erfahren, berichtet der Stiftungsvorsitzende Michael Jansen aus seinen zahlreichen Gesprächen mit den Überlebenden.