BIELEFELD - Die deutsche Kinder- und Jugendhilfe steckt nach Expertenmeinung unverändert in der Krise. „Die Jugendämter sind überfordert, sie haben viel zu viele Fälle auf dem Schreibtisch“, sagte Jugendforscher Klaus Hurrelmann am Dienstag in Bielefeld.
Weiterhin müsse ein Sachbearbeiter 150 Fälle verwalten, und das Geld für die Jugendhilfe sei im Schnitt um 15 Prozent gekürzt worden, kritisierte Georg Ehrmann, Vorstand der „Deutschen Kinderhilfe Direkt“. Nach Angaben des Vereins sterben pro Woche in Deutschland mehr als drei Kinder an Gewalt und Misshandlung.
Bis zu 100 000 Kinder im Alter bis zehn Jahre sind in Deutschland laut Hurrelmann Vernachlässigungen und Misshandlungen ausgesetzt. Genaue Zahlen zu misshandelten Kindern lägen nicht vor. Aber es sei „wahrscheinlich, dass die Zahl sich erhöht“. Zudem gehe ein Viertel der Eltern nicht zu den im Alter von etwa fünf Jahren vorgesehenen Vorsorge-Untersuchungen für Kinder. „Das ist ein Warnsignal.“
Rolf Jaeger, Vorstandsvize des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, kritisierte die Zusammenarbeit von Jugendämtern und Polizei. Jugendämter sähen die Polizei oft nur als Strafverfolgungsbehörde. Er forderte eine Anzeigepflicht der Ämter beim zuständigen Gericht. Laut Hurrelmann sollten Jugendämter zur Entlastung verstärkt Hilfseinrichtungen einschalten.
Ehrmann sprach sich für regelmäßige Gespräche zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aus. „Wir sind weit entfernt davon, in Deutschland ein Frühwarnsystem zu bekommen“, sagte er.
