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Analyse Der Papiertiger aus Genf

Alexander Brüggemann

Bonn/Genf - John Bolton, Kurzzeit-Sicherheitsberater von Donald Trump und unter George W. Bush Botschafter der USA bei den UN, spottete einst, wenn man am Sitz der Organisation der Vereinten Nationen in New York zehn Stockwerke abnähme, würde das niemand merken. Solche Verachtung gegenüber dem Multilateralismus spricht derzeit aus jeder Pore der US-Außenpolitik. Es ist dieselbe Haltung, die ihm einst die europäischen Großmächte entgegenbrachten, als ihn vor 100 Jahren nämliche USA auf der Weltbühne zu etablieren versuchten.

Gute Idee

Die Jahreszahlen seines Bestehens sagen viel über den Erfolg des Völkerbundes aus. Seine Ziele waren, zwischenstaatliche Konflikte durch Schiedsgerichte beizulegen und Abrüstung und kollektive Sicherheit zu gewährleisten. Am 10. Januar 1920, vor 100 Jahren, nahm die internationale Organisation in Genf ihre Arbeit auf. 1946, nur 26 Jahre später, löste sie sich wieder auf. Dazwischen lag der Zweite Weltkrieg mit 60 Millionen Todesopfern.

„Eigentlich eine gute Idee, aber...“, so pflegt man angesichts solch grandiosen Scheiterns leichthin zu sagen. Nach dem grausamen Ersten Weltkrieg mit seinen 17 Millionen Toten wollte die internationale Gemeinschaft bei der Pariser Friedenskonferenz ein Zeichen setzen: Nie mehr so ein Blutbad! Das Inkrafttreten des Versailler Vertrags am 10. Januar 1920 war auch die Geburtsstunde des Völkerbundes in Genf – und der Beginn des Multilateralismus.

Zwar war die Idee einer „Staatengemeinschaft“ mit einem gemeinsamen „Völkerrecht“ damals schon gut 300 Jahre alt, formuliert etwa 1625 von dem niederländischen Juristen Hugo Grotius. Doch eigentlich war die von US-Präsident Woodrow Wilson reimportierte Idee dem damaligen Europa der Nationalstaaten denkbar fremd. Hier redeten die Großmächte nicht regelmäßig miteinander, schon gar nicht ständig. Man handelte – und zwar ausschließlich nach eigenen Interessen.

Moralischer Bankrott

Und so klappte die Sache in Genf auch nicht gut; man fremdelte mit sich selbst. Geradezu mit Händen greifbar wurde das Papiertigertum des Völkerbundes, als ihn 1936 Äthiopiens Kaiser Haile Selassie um Beistand angesichts der Okkupation durch Benito Mussolinis faschistisches Italien bat und der Weltgemeinschaft den Spiegel vorhielt. Würde das gemeinsame Organ der Völker wirklich für seine eigenen, selbst erklärten Werte in den Ring steigen? Alles, was der Kaiser erhielt, war tosender Applaus. Und auf prophetische Weise sollte er recht behalten, als er sagte, dass es heute noch nur um Abessinien gehe, doch morgen um Europa selbst.

Dem moralischen Bankrott folgte 1939 der Zweite Weltkrieg – und der Selbstauflösung des Völkerbundes 1946 ein Neubeginn mit den Vereinten Nationen. Klimawandel, Hunger- und Flüchtlingskrisen, regionale Konflikte, Seuchen und Epidemien: Wer hätte 2020 bessere Vorschläge für ihre Bewältigung als einen möglichst einvernehmlichen Multilateralismus?

Doch die Vorzeichen von vor 100 Jahren scheinen heute umgekehrt: Europas „Großmächte“ Frankreich, Deutschland, mit Abstrichen Großbritannien spielen heute international auf genau dieser Klaviatur – während die US-Regierung kaum eine Chance auslässt, bereits erzielte Fortschritte zu unterminieren und ins Leere laufen zu lassen.

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