Braunschweig - Eiserner Empfang für die AfD am Samstag in Braunschweig: Vom Bahnhof bis zur Stadthalle sichern Absperrgitter den Weg. Ein paar Gegendemonstranten protestieren direkt nebenan in einem Polizeikessel. Draußen geben Dana Guth und Armin Paul Hampel letzte Interviews vor dem Showdown: das mit Spannung erwartete Duell zwischen dem von der Bundespartei abgesetzten Parteichef und seiner Herausforderin, der Fraktionschefin im Landtag. „Das letzte Aufgebot“, attestieren Guth-Freunde dem Hampel-Lager, das sich mit Händen und Füßen gegen den Machtverlust stemmt. Lächelnde Gesichter bei den Guth-Unterstützern.

Der Bundesvorsitzender Jörg Meuthen ruft die fast 500 stimmberechtigten Mitglieder zur Geschlossenheit auf. Meuthen verhehlt aber zugleich nicht seinen persönlichen Ärger über den niedersächsischen Ableger. Dem Landesverband attestiert der Bundeschef „Zerstrittenheit und Lähmung“. Die Enthebung des gesamten Vorstands mit Hampel sei richtig und notwendig gewesen. Aber jetzt müsse die Zeit mit Streitereien vorbei sein, rief Meuthen den Mitgliedern unter großem Beifall zu. Phasenweise jubelten die AfD-Basis sogar dem Bundesvorsitzenden zu – immer dann, wenn Meuthen mit aller Schärfe das „versiffte Kartell“ der Altparteien attackierte. Rot/Grün bezeichnete Meuthen wörtlich als „krypto-kommunistische Vaterlandszersetzer“. Auch die Presse bekam ihr Fett weg. Journalisten unterstellte Meuthen „intellektuelle Verständnisschwierigkeiten“. Die AfD dagegen gebe „dem Volk eine Stimme“ und nutze den Bundestag als „Kampfarena, in der wir die Merkels, Kippings und andere jagen“. Begeistert klatschen die Mitglieder, die sich zum Schluss für Meuthen erheben.

Danach ist Schluss mit Begeisterung. Der Bundesprüfer der AfD, Christian Waldheim, legt seine Kontrolle der Finanzen der niedersächsischen AfD von den Jahren 2013 bis 2017 vor. Ein Desaster. Für Hampel. Seitenlang führt der Kontrolleur die schlampige Buchführung vor. Dazu gehören „Abschläge an Hampel ohne Abrechnung und ohne Vorstandsbeschluss“ in Höhe von Tausenden von Euro. „Oft fehlten Rechnungen und Belege“, so der Prüfer. Auch bei Bewirtungskosten – teils in fünf-Sterne-Restaurants. Fazit: Unterm Strich liefen unter Hampel Ausgaben „ohne Rechnungen und Belege“ in Höhe von mehr als 27.300 Euro auf. „Ich hätte für die Jahre 2013 bis 2017 dem Vorstand keine Entlastung erteilt“, lautet das vernichtende Urteil des Prüfers.

Viele Mitglieder reagieren entsetzt und „schockiert, wie kriminell Gelder verschwendet wurden“. Manche verlangen, die Ex-Vorstände „in Regress zu nehmen“. Zorn macht sich breit.

Hampel, der bis zu diesem Punkt geschwiegen hatte, zieht die Reißleine. „Bei meiner Ehre“ seien alle Abrechnungen korrekt erfolgt und die Finanzen von Experten geprüft worden. „Ich habe alles ordnungsgemäß abgerechnet“, zeigt sich Hampel empört über die gerade gehörten Vorwürfe. „Ich habe alles aus der eigenen Tasche finanziert“, versichert Hampel, um gleich einzuschränken: „Aber alles ging nicht“. Prüfer und Prüfung der Finanzen sei nichts anderes als ein „perfides Spiel“, um ihn abzuservieren. Hampel in einem dramatischen Schlussappell: „Ich nehme alle Anfeindungen gelassen. Meine Gegner werden mich nicht auf die Knie zwingen“. Mehrere Mitglieder stehen auf und applaudieren lautstark. Der Hampel-Freund Uwe Wappler attestiert dem umstrittenen Ex-Vorsitzenden: „Er hat sich den Arsch für uns aufgerissen“. Die große Mehrheit im Saal hört diese Worte regungslos. Nur eine Minderheit teilt diese Meinung. Und perfides Spiel? „Eine schamlose Unterstellung“, keilt der Prüfer zurück. Diesmal klatscht eine breite Mehrheit.

Der Parteitag mutiert, je länger er dauert, immer mehr zum Scherbengericht über den Ex-Vorsitzenden Hampel. Konkurrentin Guth muss gar nichts mehr sagen. Mache möchten Hampel fast schon mit Schimpf und Schande vom Parteitagshof jagen. „Wenn ich so viel Geld unterschlagen hätte, hätte ich mich nicht in diesen Saal getraut“, sagt eine ältere Frau. Der Saal lacht. Häme macht sich breit für Hampel, der fast von Minute zu Minute an Unterstützern verliert. Um 14.15 Uhr beginnt der Schlussakt: Die Neuwahl des bzw. der Landesvorsitzenden.

Nach stundenlangem Ringen wählte die AfD Niedersachsen dann eine neue Vorsitzende: Dana Guth (47) löst den umstrittenen Amtsvorgänger und Bundestagsabgeordneten, Armin-Paul Hampel (60), ab. Damit endet auch die Zeit der erbitterten Grabenkämpfen zwischen dem national-konservativen Flügel um Hampel und dem eher gemäßigten Lager. Guth erhielt jedoch erst im zweiten Wahlgang die notwendige Mehrheit von 280 Stimmen. Sie setzte sich damit gegen die Konkurrenten Hampel (205 Stimmen) und dem Bundestagsabgeordneten Dietmar Friedhoff, der nach dem ersten Wahlgang ausschied, durch.