London/Brüssel - Wenige Tage vor dem historischen EU-Referendum in Großbritannien ist der nach der Ermordung der Abgeordneten Jo Cox unterbrochene Wahlkampf wieder entbrannt. Zugleich gedachte das Parlament am Montag der ermordeten Abgeordneten – in einer Geste der Gemeinsamkeit trugen alle Parlamentarier eine weiße Rose an der Kleidung. Auch auf dem leeren Sitz der Toten lag eine Rose.
Cox, die am Mittwoch 42 Jahre geworden wäre, war am Donnerstag durch Schüsse und Messerstiche getötet worden. Der 52-jährige Tatverdächtige Thomas M. soll laut Medienberichten Kontakte zu einer Nazigruppe in den USA und zu einer südafrikanischen Rassistenorganisation gehabt haben.
Nach wie vor ist unklar, inwieweit der Tod der Pro-EU-Anhängerin den Ausgang des Referendums an Donnerstag beeinflussen könnte. Umfragen, die teilweise davor, teils nach der Ermordung gemacht wurden, sprechen von Zugewinnen des Pro-EU-Lagers. Allerdings sieht es nach wie vor nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen an diesem Donnerstag aus.
Am Montag warnten EU-Außenminister vor einem Ausscheiden Londons aus der EU. „Wir verlieren Geschichte und Tradition Großbritanniens innerhalb der Europäischen Union, die wichtig ist und war für uns“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Sein österreichischer Kollegen Sebastian Kurz fürchtet „massiv negative Auswirkungen“ bei einem Brexit. Die EU würde wirtschafts-, außen- und verteidigungspolitisch schwächer werden.
Auch Top-Manager der britischen Autoindustrie sprachen sich für einen Verbleib in der Gemeinschaft aus. Ein Brexit könnte Jobs und Investitionen gefährden.
Premierminister David Cameron beschuldigt das Brexit-Lager am Montag, mit unwahren Behauptungen und falschen Zahlen zu arbeiten. Der Austritts-Wortführer Boris Johnson wiederum hält dem Pro-EU-Lager politische Ideenlosigkeit vor. Der populäre Londoner Ex-Bürgermeister schrieb in einem Namensartikel im „Daily Telegraph“: In der EU bleiben, bedeute, „hinten in einem Auto eingesperrt zu sein, das jemand fährt, der nicht gut Englisch spricht und in eine Richtung steuert, in die wir nicht wollen“.
Unterdessen wechselte eine konservative Brexit-Befürworterin ins Pro-EU-Lager. Die Oberhaus-Parlamentarierin Baroness Warsi begründete ihren Schritt mit „Hass und Ausländerfeindlichkeit“, die sich in der Brexit-Kampagne breitmachten. Sie verwies dabei besonders auf ein Plakat der rechtskonservativen Ukip-Partei: Dies zeigt eine lange Menschenschlange und die Worte „Breaking Point“ – Bruchstelle.
Dagegen verteidigte Ukip-Chef Nigel Farage das Poster. „Die Absicht war es, das Poster für einen Tag zu nutzen, um zu zeigen, die EU in jedem Sinne ein gescheitertes Projekt ist“, meinte Farage.
