Brüssel - Der Giftgasanschlag auf britischem Boden hat die Wut auf Russlands Politik der Nadelstiche gegen den Westen eskalieren lassen. Nun haben die europäischen Partner ein gemeinsames Feindbild, mit dem sie die Reihen schließen können.
Eigentlich wollten die europäischen Außenminister am Montag über den aktuellen Brexit-Stand beraten. Stattdessen werden die Außenamtschefs in seltener Einigkeit einen Schulterschluss vollziehen und sich an die Seite Londons stellen. So wie am Donnerstag kommender Woche auch die Staats- und Regierungschefs der EU bei ihrem traditionellen Frühjahrs-Gipfel in Brüssel. „Ich möchte meine volle Solidarität mit Premierministerin Theresa May zum Ausdruck bringen angesichts dieses brutalen, höchstwahrscheinlich aus Moskau angeregten Anschlags“, twitterte Ratspräsident Donald Tusk. Welch ein Stimmungswandel: Zum ersten Mal seit Monaten wird die britische Regierungschefin die Runde in Brüssel nicht mehr wie ein geprügelter Hund verlassen müssen, während die anderen weiter tagen.
Die Annexion der Krim, die anhaltenden Kämpfe in der Ostukraine, der Militär-Einsatz in Syrien, die Rolle im US-Wahlkampf, die Cyberattacken gegen das Regierungsnetzwerk in Berlin und nun der Giftgas-Anschlag – die Liste dokumentiert in den Augen der Europäer, dass Russland westliche Werte mit Füßen tritt. Die Beziehungen zu Russland sind „seit 2017 von einem tiefen Zerwürfnis über die wünschenswerte Ordnung Europas und der Welt gekennzeichnet, von gegenseitigen Sanktionen sowie politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entflechtungstendenzen“, schreibt Sabine Fischer von der Stiftung Wirtschaft und Politik in Berlin. Putin habe immer konsequenter darauf gesetzt, die EU zu spalten. Nicht zuletzt durch Kontakte zu rechten Kräften in Europa – mit Erfolg.
Doch wie es jetzt aussieht, hat sich der russische Präsident verkalkuliert. Die EU hat wieder ein gemeinsames Feindbild, das die teils zerstrittenen Partner im Osten und im Westen zusammenschweißt. „Wir werden eine einheitliche Position beziehen“, kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an. Noch vermied die britische Premierministerin es, die Solidarität der europäischen Familie offiziell einzufordern und neue Sanktionen zu erlassen. Doch damit sei spätestens beim Gipfel zu rechnen, heißt es in Brüssel.
