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NWZonline.de Nachrichten Politik

Neues Bild des Nazi-Architekten

25.08.2017

Als der Filmemacher Heinrich Breloer im Jahr 2005 seinen beachtlichen Vierteiler über Albert Speer ins Fernsehen brachte, war die Diskussion über Schuld und Verstrickung des ehemaligen Rüstungsministers in die Verbrechen der Nazi-Zeit neu entfacht. „Speer und Er“ zeigte ein so anderes Bild von Albert Speer, der mit seinen „Erinnerungen“ und nochmals mit seinen „Spandauer Tagebüchern“ publizistische Welterfolge vorweisen konnte. Die gesamte Debatte hat Magnus Brechtken in „Albert Speer. Eine deutsche Karriere“ aufgearbeitet und damit auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Speer, der von sich zeitlebens das Bild des geläuterten wie reuigen Nazis zeichnete, der im Grunde kein schlechter Kerl war, sondern als Technokrat von Hitler missbraucht wurde, entpuppt sich als übler Karrierist, der tief in die Verbrechen der Nazi-Zeit verstrickt war.

Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, fühlt den Speerschen Legenden akribisch auf den Zahn. Das beginnt mit Speers Geburt, über die der Architekt und spätere Rüstungsminister Hitlers ein Bild zeichnet, das – freundlich formuliert – die Tatsachen vernebelt. Weder stimmen seine Angaben zu Uhrzeit und Wetter, noch die Glockenschläge der nahen Kirche (die erst später entstanden ist). Diese Vertuschung und Vernebelung der Tatsachen ziehen sich durch die gesamten Erinnerungen Speers, die ja als Quelle für die Geschichtsschreibung einigen Wert haben könnte – tja, wenn der Mann nicht so verlogen gewesen wäre. Speer gelang es mithilfe des Journalisten Joachim C. Fest, sich als unpolitischer Großbürger darzustellen, der durch Verführung und Förderung Hitlers erst zu seiner späteren Funktion als Rüstungsminister wurde. Brechtken geht all diesen Legenden nach: Tatsächlich, arbeitet Brechtken heraus, suchte Speer die Nähe Hitlers, den er später übrigens als kleinbürgen Spießer schildert. Und er suchte die Nähe des Diktators, um seine eigene Karriere voranzutreiben. Architekt von Großbauten wurde Speer mit Hitlers Unterstützung, bis zu dessen Machtübernahme hatte er gerade einmal einen Umbau für einen Fabrikanten übernommen.

Auch die Planung für den Bau der neuen Reichskanzlei, von der Speer und seine Unterstützer Fest sowie Verleger Wolf Jobst Siedler, die Mär streuten, sie sei in nur einem Jahr entstanden, begann bereits 1934. Und die Zwangsarbeit? Speer stand wesentlich näher an SS-Führer Heinrich Himmler, als er nach dem Krieg glauben machen wollte. Wegen der Fokussierung auf die Rüstung propagierte Speer Naturstein statt Stahl. Himmler ließ die Steine in den Konzentrationslager von seinen Arbeitssklaven behauen. Von der Judenverfolgung wollte Speer auch nichts mitbekommen haben. Dabei hat er, wie Brechtken anhand zahlreicher Beispiele und Dokumente nachweist, in Berlin Juden aus ihren Wohnungen vertreiben lassen, um Platz für seine aberwitzige Gewaltarchitektur zu bekommen.

Nach Kriegsbeginn war der damalige Generalbauinspektor Speer stets in Uniform aufgetreten, woran er sich nach dem Krieg nicht erinnern wollte. Die Legende vom Rüstungswunder, das Speer nach 1942 vollbracht haben will, entlarvt Brechtken, ebenso die Legende vom verführten Technokraten – eine Rolle, die ihm in der Nachkriegszeit gern zugemessen wurde. Speer war skrupelloser als Hermann Göring, und eher Speer als Göring oder Goebbels wäre ein potenzieller Nachfolger Hitlers gewesen. Speer wusste auch genau, was mit den Juden geschah. Er war am 6. und 7. Oktober 1943 bei einem Gauleitertreffen in Posen dabei, wo Himmler zwei mehrstündige Reden über die Judenvernichtung hielt – damit alle darauf eingeschworen waren und keiner nach dem Kriege sagen konnte, er habe es nicht gewusst. Speer behauptete übrigens später, er sei in Posen früher abgereist und habe Himmler nicht gehört.

Nach der Speer-Legende war er selbst auch in die Aktionen vom 20. Juli 1944 involviert, was eine weitere – lange unwidersprochene – Lüge ist. Legenden schließlich auch um Speers letzten Besuch bei Hitler in der Reichskanzlei 1945. Verschiedene Versionen bietet Speer an, unter anderem eine, wonach er den Siemens-Wernerwerk-Vorstand Friedrich Lüschen (ein gebürtiger Oldenburger, 1877 bis 1945) zur Flucht überreden wollte (Lüschen beging im Juni 1945 offenbar aus Angst vor einer Untersuchung seiner Verwicklung in die Rüstungsaktivitäten in Berlin Suizid).

Im Hauptkriegsverbrecherprozess entging Speer dem Todesurteil, strickte fleißig an seiner Legende – und bot sich den Deutschen als Identifikationsfigur an. Ein Spiegeltitel („Hitlers Freund und Gegner“, 1966) deutet schon an, dass Speer (in Nürnberg überraschte er mit einem angeblichen Attentatsplan auf Hitler) das Terrain bereitet hatte. Es folgten Auftritte in der Öffentlichkeit, die überaus erfolgreiche Autobiografie mithilfe des Verlegers Siedler und des Journalisten Fest. „Edel-Nazi mit Reue-Garantie“ nennt Brechtken die Wirkung der beiden Speer-Förderer, die natürlich auch von Speer profitierten.

Brechtken benötigt für seine ausführliche Detektivarbeit 1000 Seiten, davon 400 Seiten Fußnoten und Quellenangaben. Der Umfang des Buches sollte keinen abschrecken, Brechtken formuliert präzise und stellt die Umstände für einen Historiker geradezu kurzweilig dar.

Ein wichtiges Buch, das man auch als Chronik eines wichtigen Kapitels der Bundesrepublik lesen kann: Wie eine Gesellschaft mit den Verbrechen des Nationalsozialismus umgeht und einer wie Speer mit seinen „Erinnerungen“ gerade recht kommt, das Unappetitliche, nämlich die eigene Verstrickung, zu vernebeln und den Leuten den verführten Technokraten zu geben.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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