• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik

70 000 Menschen gegen den Staat

10.10.2019

Am 9. Oktober 1989 fahren Siegbert Schefke und Aram Radomski mit einem Trabant von Berlin nach Leipzig. Im Gepäck haben sie Videokamera und Fotoapparat. Ihr Ziel: die Montagsdemonstration, die nicht erlaubt ist, die es aber sehr wahrscheinlich geben wird. Was die beiden Männer an diesem Abend dokumentieren, verändert die DDR und Deutschland.

70 000 Menschen ziehen an diesem Abend in Leipzig über den Ring, der die Innenstadt umschließt. Sie kommen einmal rum, ohne dass die Staatsmacht Gewalt anwendet. „Danach war klar, dass die Diktatur nicht mehr so weiterarbeiten konnte“, sagt Eckert. Dass der 9. Oktober 1989 ein friedliches Ende nehmen würde, war alles andere als ausgemacht. Schefke und Radomski sehen auf der Autobahn eine lange Lkw-Kolonne. Auf den Ladeflächen hocken Polizisten oder Soldaten. „Natürlich hatten wir Angst“, sagt der heute 60-Jährige.

Während Schefke und Radomski am Nachmittag nach einem geeigneten Ort für ihre heimlichen Aufnahmen suchen herrscht auch andernorts in Leipzig Betriebsamkeit. In vier Kirchen der Stadt werden Friedensgebete vorbereitet.

Auch im Haus des Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur wird unter Anspannung gearbeitet. Der international bekannte Dirigent, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, ein Theologe und drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung haben sich zusammengefunden, um einen Aufruf zur Besonnenheit zu verfassen – gerichtet an beide Seiten, die Demonstranten und die bewaffnete Staatsmacht. Dieser „Aufruf der Leipziger Sechs“ wird am Abend über den sogenannten Stadtfunk – fest installierte Lautsprecheranlagen im Stadtzentrum – übertragen.

Rückblickend sieht es so aus, als habe sich an jenem 9. Oktober ein Puzzleteil zum nächsten gefügt. Doch warum eigentlich Leipzig? Schefke, der ebenso wie Bernd-Lutz Lange ein Buch zur damaligen Zeit herausgebracht hat, sagt, die Leipziger hätten den Protest auf die Straße bringen wollen. Er habe das Gefühl gehabt: „Wenn etwas in der DDR passieren würde, dann in Leipzig“, schreibt er in seinem Buch. Lange macht in seinen Erinnerungen („David gegen Goliath“) den bedauernswerten Zustand der Stadt mitverantwortlich: „Leipzig war in den Jahrhunderten immer eine stolze Bürgerstadt gewesen. Nach vierzig Jahren DDR wohnten die Menschen in Häusern, deren Fassaden verfielen und durch deren Dächer es hereinregnete.“

Schefke und Radomski filmen vom Turm der Reformierten Kirche herab, der Pfarrer hat sie hineingelassen. Es sind die einzigen Filmaufnahmen von der Demonstration. Westliche Medien sind in Leipzig nicht zugelassen. Ihre Aufnahmen fahren sie noch am Abend nach Berlin und übergeben sie einem westdeutschen Journalisten. Am Tag danach werden sie in den „Tagesthemen“ ausgestrahlt. „Es gibt andere, die mehr riskiert haben als wir, aber die haben nicht die wackeligen Bilder, die wir gemacht haben“, sagt Schefke. Die Wirkung sei ihnen damals klar gewesen. „Das haben die Leute geguckt. 20 Uhr – Immigration in den Westen über den Fernseher, so war es doch“, sagt Schefke.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.