Zur PERSON
Anja Kindo
wurde 1966 in Sande geboren. Ihr Vater und Großvater arbeiteten in der dortigen Gießerei. Sie besuchte die Grundschule in Baden-Württemberg und Wilhelmshaven, dann die frühere Humboldtschule in Wilhelmshaven und das Mariengymnasium in Jever.Nach der Schule
ging Anja Kindo als Au-Pair-Mädchen nach Israel und arbeitete in Haifa und Jerusalem ein unvergessliches Erlebnis, wie sie selber sagt.Zu ihren drei Kindern
zwei Söhne und eine Tochter im Alter von 24, 20 und 17 Jahren hat sie ein enges Verhältnis. Anja Kindo ist allein erziehende Mutter und damit nach eigenen Angaben sehr glücklich.Nach der Schule
jobbte Anja Kindo in verschiedenen Bereichen, u. a. auch in Schlachtbetrieben. Insgesamt drei Jahre lebte sie von Hartz IV. In einer Umschulungsmaßnahme des Arbeitsamts ließ sie sich zur Versicherungsfachangestellten ausbilden. Versuche, in diesem Bereich einen Job zu bekommen, schlugen bisher fehl. Seit kurzem betreut Anja Kindo das Wahlkreisbüro der Linken in Wilhelmshaven.Bei den jüngsten Kommunalwahlen
wurde Anja Kindo für die Linken in den Kreistag Friesland gewählt. Im Januar 2008 kandidierte sie für den Landtag.Die 43-Jährige kritisiert den Afghanistan-Einsatz und will Hartz IV abschaffen. Um mehr Leistungen für die Armen zahlen zu können, soll eine Reichensteuer eingeführt werden.
von ulrich schönbornTreffpunkt ist an der Plaggestraße in Schortens. Anja Kindo wohnt in einem Vierfamilienhaus. Auf dem Parkplatz steht der gelbe Wahlkampf-Bus der Linken. Er bleibt an diesem Tag stehen. Die 43-jährige Bundestagskandidatin der Links-Partei steigt in den Dienst-Lupo der NWZ -Redaktion. Die Tour durch Kindos Wahlkreis führt zunächst ins nahe-gelegene Upjever. Dort sind die Objektschützer der Luftwaffe stationiert, die seit Jahren ein festes Kontingent für den Stützpunkt der internationalen Schutztruppen in Mazar-E-Sharif stellen.Frage:
Frau Kindo, haben Sie als Kreistagsabgeordnete schon einmal an einem der regelmäßigen Abschiedsappelle der Bundeswehr für Soldaten, die nach Afghanistan gehen, teilgenommen?Kindo:
Nein, da verweigere ich mich. Man kann keinen Terror mit Krieg bekämpfen und es gibt keinen kriegerischen Friedenseinsatz. Deswegen halte ich die Afghanistan-Mission der Bundeswehr für verfehlt. Hier wird das Leben von Frauen und Männern aufs Spiel gesetzt, viele wissen gar nicht, worauf sie sich einlassen. Man sollte in Afghanistan in die Bildung und die Gleichberechtigung investieren und keine Soldaten schicken.Die Fahrt geht weiter nach Jever. Hartz IV abwählen, lautet ein Wahl-Slogan der Linken. Wir steuern das neu gebaute Job-Center beim Kreisamt an.
Frage:
Sie haben selbst drei Jahre lang von Hartz IV gelebt. Wie stehen Sie zum Job-Center des Landkreises und der Arbeitsagentur?Kindo:
Ich halte den Neubau hier in Jever für absolut unnötig. Das ist reine Geldverschwendung. Hier wurde ein Palast gebaut, um die Ärmsten der Armen zu betreuen mit Tiefgarage für die Mitarbeiter, damit auf dem Weg ins Büro die Frisur nicht verweht. Das System von Hartz IV und Arbeitslosengeld II ist meiner Meinung nach menschenverachtend.Frage:Warum?
Kindo:
Obwohl die meisten Betroffenen an ihrer Situation nicht schuld sind, werden sie in eine Ecke gedrängt, abgestempelt und unter Druck gesetzt. Um Leistungen zu beziehen, muss man intimste Details aus seinem Privatleben offenlegen. Die Regelsätze reichen nicht aus. Viele Menschen sind überfordert und trauen sich nicht, gegen Entscheidungen des Job-Centers vorzugehen, weil sie Sanktionen fürchten.Frage:
Aber immerhin springt der Staat ein, wenn Menschen sich nicht selbst versorgen können. . .Kindo:
In Deutschland gibt es nicht genug Arbeit für jeden. Deshalb muss der Staat Jobs z. B. in der Altenpflege und in der Kinderbetreuung finanzieren, wo dringend Bedarf besteht. Zudem muss jeder, der arbeitet, von seinem Gehalt auch leben können. Deshalb müssen Mindestlöhne festgelegt werden.Frage:
Wie soll das alles finanziert werden?Kindo:
Wir müssen an anderer Stelle sparen zum Beispiel beim Einsatz in Afghanistan. Außerdem fordern wir eine Reichensteuer.Frage:
Das klingt ja fast wie eine Strafe für die Reichen.Kindo:
Das ist keine Strafe, sondern eine Frage der Solidarität. Das gleiche gilt für die Sozialversicherung. Warum müssen Beamte oder Selbstständige nicht in den gemeinschaftlichen Topf einzahlen? Und warum gibt es eine Beitragsbemessungsgrenze, die die Sozialabgaben von Besserverdienenden deckelt?Nächstes Ziel ist Hooksiel im Wangerland. Am Außenhafen legen wir eine Kaffeepause ein. Anja Kindo erzählt, dass sie sich schon immer für sozial benachteiligte Menschen engagiert hat. Über die Gründung eines Hilfsvereins für soziale Randgruppen sei sie zur Politik gekommen. Zunächst schloss sie sich der PDS an, dann engagierte sie sich nach dem Zusammenschluss mit der WASG von Oskar Lafontaine in der Partei Die Linke. Wir sind die demokratischste aller Parteien und orientieren uns am stärksten am Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz, sagt Anja Kindo. Die DDR lehnt sie ab. Sozialismus ohne Demokratie geht nicht und ein Staat, der seine Bürger einsperrt, ist indiskutabel, so die Politikerin.
Frage:
Mögen Sie das Meer?Kindo:
Ich liebe das Meer. Es ist immer in Bewegung, verändert sich und ist in keine Form zu pressen. Das passt auch zu meinem Anspruch an die Politik. Sie muss sich an den sich ändernden Bedürfnissen der Menschen orientieren. Eine Politik, die sich nicht bewegt und weiter entwickelt, ist eine verlorene Politik.Lieber als nach Hooksiel (Da kostet der Strandbesuch ja Eintritt) fährt Anja Kindo zum Banter See nach Wilhelmshaven. Auf dem Weg dorthin passieren wir die Baustelle für den Tiefwasserhafen Jade-Weser-Port. Ich hoffe sehr, dass die hoch gesteckten Erwartungen erfüllt werden, sagt Anja Kindo mit Blick auf die Kräne und Rammen, die hinter der Info-Box auf der ausgespülten Fläche stehen. Sie sei allerdings skeptisch.
Nach einem Zwischenstopp beim Surfclub am Banter See (hier liegt in einer kleinen Bucht Anja Kindos Lieblingsplatz, an dem sie früher mit ihren drei Kindern gerne Zelten ging) geht es über die Autobahn weiter in den Südkreis. Dort sei die Linke nicht so stark vertreten wie im Nordkreis, wo sie neben ihr als Kreistagsabgeordneter in Person von Mike Schauderna auch einen Ratsherren in Schortens stelle, berichtet die Kandidatin.
Frage:
Was qualifiziert Sie zur Bundestagsabgeordneten?Kindo:
Ich bin dreifache Mutter, Hausfrau, berufstätig und sozial engagiert. Außerdem arbeite ich in der Kommunalpolitik und bin für einen Bundestagsabgeordneten tätig und deshalb mit den parlamentarischen Abläufen vertraut. Ich könnte viele Alltagserfahrungen in den Bundestag einbringen und weiß, welche Probleme die Menschen haben, die am unteren Rand der Gesellschaft leben. Das ist auch das Schöne an der Linkspartei: Sie ist von unten nach oben durchlässiger als etablierte Parteien wie die CDU und die SPD.Auf der Rückfahrt von Varel (Ich hätte mir gewünscht, dass das ehemalige Bundeswehrgelände auch von der Berufsschule genutzt wird) spricht Kindo die Bildungspolitik an. Als letzte Etappe der Rundfahrt wählt sie die neue Gesamtschule in Schortens, die im August den Betrieb aufgenommen hat.
Frage:
Die Linke fordert eine Schule für alle. Ist die Gründung der Gesamtschule in Friesland ein Schritt auf dem Weg zu Ihrem Ziel?Kindo:
Ich bin grundsätzlich für die Gesamtschule, weil sie nicht selektiert, sondern bessere Bildungschancen bietet als das dreigliedrige System mit Haupt- und Realschule sowie Gymnasium. So wie die IGS in Friesland realisiert wurde, geht es aber nicht. Sie ist lediglich ein Schulzentrum mit Ganztagsbetreuung. Um das IGS-Konzept wirklich umsetzen zu können, müsste es mehr Lehrerstunden, mehr sozialpädagogische Begleitung und ein besseres Ganztagsangebot geben.Ein Spezial im Internet unter www.NWZonline.de/bundestagswahl
Heute beginnt
in der NWZ eine neue Serie. Wir begleiten die Kandidatinnen und Kandidaten der Bundestagsparteien auf einer Tour durch den Wahlkreis. Dabei können die Begleiteten die Route und die Haltepunkte selbst bestimmen.Heute: Anja Kindo
(Die Linken)
