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NWZonline.de Nachrichten Politik

Darum lebt es sich in Chicago gefährlich

08.08.2019

Chicago Der 33-jährige Demetrius Flowers aus Chicago wollte in wenigen Tagen heiraten. Ein Freund lud den Afro-Amerikaner am vergangenen Samstag zu einer Freiluft-Party auf der Westseite der Stadt ein. Wenig später lag Flowers zusammen mit sieben anderen Menschen nahe einem Park in seinem Blut. Unbekannte hatten das Feuer auf die feiernde Gruppe eröffnet. Flowers starb am Tatort, die übrigen Opfer wurden in Kliniken gebracht. Als am Montagmorgen die Polizei der drittgrößten Metropole der USA Bilanz zog, waren es erschütternde Zahlen. Von Freitagabend an waren 55 Menschen durch Schusswaffen getroffen worden, sieben von ihnen tödlich. Am Sonntag mussten einige der Hospitäler sogar einen Aufnahmestopp verhängen, weil die Notfall-Chirurgen überlastet waren. Die Opfer waren fünf bis 56 Jahre alt. Seit Jahresbeginn wurden in Chicago rund 1600 Menschen von Kugeln getroffen, mehr als 300 starben.

Während US-Präsident Donald Trump seine umstrittenen Besuche in Ohio und Texas absolvierte, wo zwei Amokschützen am Wochenende 31 Menschen getötet hatten, war ein Abstecher nach Chicago nicht vorgesehen. Auch Volksvertreter der Demokraten, die Trump eine Mitschuld an den jüngsten Massakern geben, haben sich bisher nicht zu Protesten in Chicago eingefunden.

Während die Stadt längst zu Amerikas vergessenem Friedhof geworden ist, gelten die Toten der „Windy City“ am Lake Michigan als Phänomen, das von der Politik in Washington mit einem Achselzucken hingenommen wird. Hier feuern nicht – wie in El Paso – weiße Nationalisten oder wie in Dayton durch ihr Leben frustrierte weiße Jugendliche mit linksextremen Tendenzen auf unschuldige Opfer. In den „Projects“ der Süd- und Westseite schießen und sterben vor allem Schwarze, oft als Folge von Bandenkriegen um Drogen-Reviere oder als Resultat von Gang-Aufnahmeritualen. Und die Todesstatistiken stellen die Zahl der Opfer von Amokläufen auch in diesem Jahr deutlich in den Schatten.

Über Chicago, die Heimatstadt von Ex-Präsident Barack Obama, redet die Opposition auch deshalb so ungern, weil die Stadt nicht in die politische Agenda passt. Sie hat mit die schärfsten Waffengesetze im Land – doch diese zeigen so gut wie keine Wirkung. Die meisten Pistolen, Revolver und Gewehre in der seit Jahrzehnten demokratisch regierten Metropole werden auf den Straßen illegal gehandelt.

Chicagos Polizeichef Eddie Johnson beklagte jetzt in ungewohnter Offenheit, dass die meisten Kriminellen nach 24 Stunden wieder auf freiem Fuß seien. Was die Statistik belegt: Von 1100 Menschen, die vom 1. Mai bis zum 28. Juli wegen Verstößen gegen Waffenbesitz-Gesetze festgenommen wurden, ließen die Haftrichter 719 laufen.

Wie bei den meisten Bluttaten haben die Cops bisher keine Hinweise auf die Täter. Denn in den Ghettos gilt seit Langem eine eiserne Regel: Wer mit der Polizei kooperiert, ist ein „Snitch“ – also ein Informant. Und muss sterben.

Friedemann Diederichs Korrespondentenbüro Washington
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