Oldenburg - Der gute Vorsatz für das neue Jahr könnte lauten: weniger Angst vor China. Viele Rückmeldungen auf meine Kolumne lauten: „Das macht mir Angst.“ Warum hat unsere Gesellschaft dieses ängstliche Chinabild? Es gibt sicherlich viele Gründe dafür, aber einen sehe ich in der mangelnden Technologieoffenheit in Deutschland. Viele Menschen fragen sich: Künstliche Intelligenz – das ist unheimlich. Mit dem Handy zahlen – wozu gibt es Bargeld? Autonomes Fahren – viel zu gefährlich. Viele dieser Technologien kommen aus China. Beim großen chinesischen Börsencrash 2015 erlebte ich zufällig vor Ort, wie alle Mann (und Frau) ihre Aktiendepots beim gemeinsamen Abendessen hektisch aber bequem vom Smartphone aus verkauften. Das wäre hier sogar 2023 doch eher die Ausnahme. Ja und wen interessiert’s? Kann doch jeder machen, wie er (oder sie) es will.
Wir sind so ängstlich
Und genau das tun wir fast alle nicht, weil wir so ängstlich sind. Angst vor Datenklau, Angst vor dem Überwachungsstaat, Angst vor dem Verlust der Privatsphäre. Dabei ist das Problem viel tiefgreifender. Wenn wir uns dem technologischen Fortschritt weiter abwenden, sind wir bald raus. Aus allem! Den Anschluss zur E-Mobilität haben wir fast verschlafen, Solarpanels gibt es nur noch aus China, digitale Innovationen aus Deutschland sind Fehlanzeige. Falls wir weiter unsere Werte exportieren wollen, dann geht das nur, wenn wir eine starke und innovative Wirtschaft haben. Sonst hört uns keiner mehr zu.
Bye bye Amerika
Noch schauen wir lieber nach Amerika und besonders ins Silicon Valley, wenn es um „neue“ Technologien geht. Aber das Silicon Valley wird sich weiter relativieren, je stärker und innovativer China wird. Dabei kommen bereits viele Technologietrends von dort. Nehmen wir die modernste Stadt der Welt als Beispiel: Shenzhen. Als eine der ersten Sonderwirtschaftszonen der Volksrepublik mauserte sich die jüngste Stadt Chinas mit 20 Millionen Einwohnern zu dem Innovationszentrum schlechthin in Asien und nahezu der ganzen Welt. In der Wirtschaftsmetropole sind Tech-Giganten wie Huawei, ZTE und Tencent zu Hause. Die letzte „Paketmeile“ wird in Shenzhen teilweise von Robotern oder aus der Luft durch Drohnen des ortsansässigen Drohnenweltmarktführers DJI ausgeliefert. Die Stadt unweit von Hongkong war auch die erste im Land, in der autonome Taxis Passagiere chauffierten. Mittlerweile sind fahrerlose Taxis ein gewohntes Bild im Stadtverkehr. Die in Shenzhen gepriesene Start-up-Kultur zieht innovationsfreudige Jungunternehmer an. Dort herrscht Innovations-Goldgräber-Stimmung. Am Reißbrett geplant, wird die Stadt auch regelmäßig im gleichen Atemzug mit dem berüchtigten chinesischen „Social-Credit-System“ genannt. Dieses System soll das finanzielle, soziale, moralische und möglicherweise politische Verhalten der chinesischen Bürger und Firmen überwachen, bewerten und regulieren. Anhand eines Punktesystems wird wünschenswertes Verhalten belohnt, nicht wünschenswertes Verhalten dagegen mit Einschränkungen im Alltagsleben bestraft. Für all das sind viele Sensoren und Daten nötig, die natürlich auch missbraucht werden könnten.
Wer jetzt wieder Angst verspürt, der sei beruhigt. Das chinesische Sozialkreditsystem ist bisher ein Mythos. 1,4 Milliarden Einwohner produzieren einfach zu viele Daten, die sich (noch) nicht sinnvoll auswerten lassen. Aber, es gibt Feldversuche, und die gilt es zu beobachten. Mit der Verkehrssünderkartei in Flensburg und der Schufa-Kreditauskunft hat Deutschland übrigens Komponenten für ein eigenes Sozialkreditsystem.
Warum Daten?
Interessant wird es, wie man über Daten denkt. In Deutschland wird gern und viel über Datenmissbrauch diskutiert. Unser ausgeprägtes Datenschutzbewusstsein ist aber ein hohes Gut. In China sieht man eher den Vorteil, den Daten liefern können. Herrschte dort noch bis in die Siebzigerjahre aufgrund der Kulturrevolution das blanke Chaos, sind Ordnung und Sicherheit – auch mittels Daten – seither hoch geschätzt. Weniger Verkehrstote durch autonomes Fahren und sicher bei Nacht durch den Park. Der Überwachungsstaat hat auch Vorteile.
Wer sich aber dennoch Sorgen um das chinesische Datenwohl macht, der sei beruhigt. China hat das europäische Datenschutzgesetz fast komplett übernommen. Die Verbraucherrechte sind damit geregelt. Der Staat bleibt natürlich außen vor. Gute Technologien kann man nicht aufhalten. Sich vor ihnen zu verschließen ist schlecht. Man muss nicht alle Trends aus China gut finden. Unsere Aufgabe kann es aber sein, sie zu formen und sozial verträglich zu machen. Digitale Innovationen sind die Zukunftswährung, wo die Weltmächte dominieren werden. Wir müssen raus aus der Lethargie und als Gesellschaft wieder neugieriger auf Innovationen sein. Dann sitzen wir vielleicht auch weiter mit am Tisch der Großen.
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