Peking - Der größte Skandal in der jüngeren Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas begann mit einer Ohrfeige. Im Januar kam es zum offenen Konflikt zwischen Polizeichef Wang Lijun und „Chinas größtem Mafia-Boss“, wie Kritiker den früheren Spitzenpolitiker Bo Xilai auch nennen. Verärgert schlug der Parteichef von Chongqing seinen obersten Polizisten wie einen Schuljungen, als ihm dieser von dem Mord seiner Frau an dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood berichtete. Hatte sich Bo Xilai bedroht gefühlt? Oder war der Politiker wütend, dass sein Untergebener den Fall nicht wie erwartet vertuscht hatte?

Vielleicht auch beides. Die Ohrfeige führte auf jeden Fall zum Zerwürfnis der alten Weggefährten. „Wenn sich Mafiamitglieder mit ihrem Boss überwerfen, können sie versuchen, Polizeischutz zu suchen“, schreibt Hu Shuli, die mutige Chefredakteurin des kritischen chinesischen Wirtschaftsblattes „Caixin“. Aber in Chongqing konnte Wang Lijun selbst als Polizeichef keine Zuflucht finden.

Am Ende blieb dem abtrünnigen Politgangster, der lange die mafiöse Politik Bo Xilais mittrug und unterstützte, nur die Flucht, ausgerechnet zu den ungeliebten Amerikanern ins Konsulat.

Der Politkrimi um Ex- Politbüromitglied Bo Xilai, der Chancen auf einen Aufstieg in den Führungszirkel hatte, demonstriert die Verquickung von Partei, Staat, Polizei und Justiz, wie beim Prozess gegen Wang Lijun deutlich wurde. Am Montag verurteilte ihn ein Gericht wegen Korruption, Fahnenflucht, Machtmissbrauchs und Rechtsbeugung zu 15 Jahren Haft; ein eher mildes Urteil, denn der Polizeichef hatte mit den Ermittlern kooperiert.

„In einigen Orten ist die Macht der Polizei und der Behörden übergeordnet und nicht begrenzt“, sagt der bekannte Ökonom und Kommentator Hu Xingdou.

Wang Lijun hat mit der „Fahnenflucht“ ins US-Konsulat seinen Kopf gerettet. Musste der bis dahin als „Super-Bulle“ mit Lob überhäufte Polizeichef und Vizebürgermeister daheim in Chongqing um sein Leben fürchten, konnte er sich anschließend in die Hände der Staatssicherheit in Peking begeben.

Wang Lijun hatte genug Dreck am Stecken. Aber seine Kooperation ersparte ihm sicher auch ein mögliches Todesurteil.