CLOPPENBURG - Der Zweite Weltkrieg hat unendlich viele, unfassbare Leidensgeschichten geschrieben. Es hat aber auch Menschen gegeben, die die sechs Jahre unendlichen Grauens relativ unbeschadet überstanden haben. Die Cloppenburgerin Hedwig Barlage (geborene Wessling) ist eine von ihnen.
Am 1. September 1939 marschieren deutsche Truppen in Polen ein und lösen damit den Krieg aus – Hedwig Barlage, damals 14-jährige Internatsschülerin in Vechta, wird deshalb nach Hause geschickt. Bereits ein Jahr vorher haben die Nazis die von ihr zuvor besuchte Liebfrauenschule in Cloppenburg aufgelöst, nun machen sie das gleiche mit der gleichnamigen Einrichtung in Vechta – dort wird ein Lazarett eingerichtet. Zurück in Cloppenburg besucht Hedwig Barlage ein Jahr die Haushaltungsschule bei den „Schwestern unserer lieben Frau“.
Hedwig Barlages Vater, Müllermeister Georg Wessling, der sich im Ersten Weltkrieg einen Lungenschuss zugezogen hat, aber trotzdem noch vom Einzug in den Krieg bedroht ist, wird nach einem entsprechenden Lehrgang in Bremen Zahlmeister beim Militär: Während des Krieges leitet er die Raufuttersammelstelle für die Infanterie. Diese liegt an der Emsteker Straße im Bereich des damaligen Landhandels Witte.
Verpflegung in Turnhalle
1944 wird Georg Wessling aus dem Militärdienst entlassen – in gleicher Funktion arbeitet er fortan als ziviler Stabszahlmeister. „Zu Kriegsende musste mein Vater in der Turnhalle des Clemens-August-Gymnasiums ein Verpflegungslager für zurückziehende Soldaten einrichten. Ich war in dieser Zeit viel mit ihm zusammen“, erinnert sich Hedwig Barlage. Mit den Nazis hat der Mann offenbar nicht viel am Hut gehabt: „Mein Vater bekam sogar einmal eine Vorladung vom Kreisleiter, weil er die Finanzbeamten nicht mit ,Heil Hitler’ gegrüßt hatte.“
Hedwig Barlage selbst ist seit 1941 im elterlichen Kolonialwarengeschäft mit Tankstelle beschäftigt. An den Angriff auf Cloppenburg im April 1945, den Einmarsch der Engländer und die Kapitulation hat Barlage noch einige Erinnerungen: „Ich weiß noch, dass am Weißen Sonntag gegen Mittag eine Bombe bei uns neben die Tankstelle gefallen ist. Nachmittags fielen dann noch Bomben bei der Sankt-Andreas-Kirche, wo an diesem Tag Erstkommunion gefeiert wurde. Dort gab es mehrere Tote.“
Soldaten sprengen Brücke
Bei einem weiteren Angriff – zwei Tage später – sprengen die deutschen Soldaten die Soestenbrücke an der Mühlenstraße. „Einige haben geglaubt, dass der Krieg noch zu gewinnen ist“, sagt Barlage, die Anfang 1953 mit ihrem Mann Anton Barlage an eben jene Mühlenstraße zieht und dort fortan ein Lebensmittelgeschäft betreibt.
Stichwort Lebensmittelgeschäft: Das elterliche Haus an der Bahnhofstraße bleibt bis auf ein kleines Loch im Dach unversehrt. Im benachbarten Finanzamt haben sich englische Soldaten einquartiert, schräg gegenüber Kanadier ein Zelt aufgebaut. „Mein Vater ging jeden Morgen zur Kirche, einmal wurde er herausgerufen, weil er Leichen beim Krankenhaus mit aufladen sollte“, so Hedwig Barlage.
Menschen leiden Hunger
Viele Menschen müssen nach dem Krieg Hunger leiden. Doch bei der Mühle Wessling an der Osterstraße wird sofort wieder gebacken. „Zwar gab es keinen Strom, dafür aber arbeitswillige Helfer, die sofort wieder das gute Schwarzbrot gebacken haben. Es musste immer 24 Stunden im Ofen bleiben, deshalb gab es jeden zweiten Tag Brot“, erinnert sich Hedwig Barlage.
Auch deren Eltern zeigen in diesen Tagen ein großes Herz. Vater Georg hat am Bahnhof eine Flüchtlingsfamilie mit elf Kindern aufgegriffen. Das Familienoberhaupt der Linkes ist Hofkutscher in Schlesien gewesen und hat nun keine Ahnung, wie es weitergehen soll. „Mein Vater nahm die Leute mit nach Hause und brachte sie oben im Lager, wo schon eine provisorische Wohnung ausgebaut war, unter“, sagt Hedwig Barlage. Jahrelang seien die Linkes geblieben, man habe sich bestens verstanden.
Bruder im Krieg verwundet
Weniger gut ist es dagegen Hedwig Barlages Bruder Gottfried Wessling ergangen: Dieser erlebt den Krieg 1944/45 in Russland und der Ukraine. Mit einem Bauchschuss und einer schweren Armverletzung liegt er vier Wochen lang ohne ärztliche Hilfe in einem Güterwaggon, ehe er schließlich bei den Amerikanern landet, die ihn mit Penicillin versorgen. „Obwohl die Ärzte erst etwas anderes wollten, ist sein Arm drangeblieben“, erinnert sich Hedwig Barlage an ihren Bruder, der 2007 im Alter von 81 Jahren gestorben ist.
