Harr Balke, viele Hotels und Restaurants sind geschlossen. In der Branche wird bereits von einem „Lockdown“ gesprochen. Wie ist die Situation?
Balke Mehr als 50 Prozent der Unternehmen im Gastgewerbe haben Existenzängste aufgrund der schlechten Umsatzsituation. Das Geschäft von November über Silvester bis ins neue Jahr hinein ist völlig weggebrochen. Vor allem 2G-plus hat viele Kunden abgeschreckt. Auch die 70-Prozent-Regelung hat der Branche nicht geholfen, um durch die schlechte Winterzeit zu kommen. Nach unserer aktuellen Umfrage lagen die Umsätze im Dezember 2021 etwa 54 Prozent unter denen des Dezembers 2019. Im November waren 43 Prozent weggebrochen.
Rainer Balke (63) ist Jurist und seit 30 Jahren als Hauptgeschäftsführer für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Niedersachsen tätig. Er sorgt sich in der Corona-Krise insbesondere um die Zukunft der Landgasthöfe.
Wird die Situation durch Omikron noch schlimmer?
Balke Ja, die Omikron-Diskussion verunsichert die Menschen so, dass sie erstmal einen großen Bogen um die Gastronomie machen.
Wie viele Arbeitsplätze sind weggefallen?
Balke Schon vor der Pandemie hat die Gastronomie dringend Arbeitskräfte gesucht. Unter Corona hat sich die Lage verschärft. Nahezu jede vierte Stelle ist verloren gegangen. Das betraf vor allem Mini-Jobber, weil sie kein Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld erhalten haben. Wenn die Geschäfte im Frühjahr wieder anziehen, wird der Mitarbeitermangel ein großes Problem werden. Das gilt insbesondere für Urlaubsregionen wie Küste und Inseln. Desaströs ist die Situation für innerstädtische Betriebe, die von Messen oder Veranstaltungen leben.
Sollte das Kurzarbeitergeld verlängert werden?
Balke Ja, bei vielen Betrieben läuft die 24-monatige Zahlung des Kurzarbeitergeldes ausgerechnet Ende Februar aus. Die Gewährung von Kurzarbeitergeld muss aus unserer Sicht daher entfristet werden. Es kann auch nicht sein, dass die Betriebe 50 Prozent der Sozialversicherungsbeiträge für das Kurzarbeitergeld tragen müssen. Bei der Überbrückungshilfe IV wollen wir zurück zur alten Regelung. Denn hier geht es allein um die Erstattung der Fixkosten. Davon bekommt kein Unternehmer seine Familie satt.
Es heißt, Betriebe müssten sogar Beihilfen zurückzahlen.
Balke Derzeit fordert die landeseigene N-Bank die Soforthilfen zurück – ausgerechnet in einer Phase, wo die Liquidität der Betriebe angespannt ist. Die Rückzahlungsfirst wurde bis zum 30. Oktober verlängert. Aber schon jetzt ist klar, dass die Tilgungen weiter gestreckt werden müssen.
Hat die Aggressivität gegenüber den Mitarbeitern in der Gastronomie zugenommen?
Balke Ja, das erleben wir seit einiger Zeit. Immer wenn eine Corona-Verordnung verschärft wurde, nahmen die Unmutsbekundungen der Kundschaft zu. Vielen Gastronomen bleibt nichts anderes übrig, als Vorfälle anzuzeigen und Hausverbote zu erteilen.
Niedersachsen denkt über die Kündigung der Luca-App, die eine Kontaktdaten-Übermittlung ermöglicht, nach. Wie verhält sich die Dehoga dazu?
Balke Offenbar bringt die Luca-App keine Erleichterung beim Nachvollziehen von Infektionsketten. Wenn das Land aussteigt und die Daten von den Gesundheitsämtern nicht mehr abgefragt werden, stellt sich für uns die Frage, warum das Gastgewerbe die Daten dann überhaupt noch erfassen soll. Darin sehen wir dann keinen Sinn mehr.
