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Von Reinhard Tschapke
Frage:
Herr Kunert, Sie waren Opfer der Stasi. Wie haben sie das Stasi-Lob der Landtagsabgeordneten Christel Wegner aufgenommen?
Kunert:
Ich habe gedacht, jemand, der so etwas äußert, kann nicht mehr normal sein. Ein normaler Mensch, wo auch immer er politisch stehen mag, muss doch einen Defekt haben, wenn er die Stasi lobt!
Frage:
Die umstrittene Abgeordnete, die am Montag aus der Linkspartei-Fraktion ausgeschlossen wurde, spricht davon, man könne mit Hilfe der Stasi gegen „reaktionäre Kräfte“ vorgehen.
Kunert:
Das ist doch wieder das alte Lied: Und wer bestimmt, wer „reaktionär“ ist? Das ist dann wahrscheinlich sie selbst, die das bestimmt. Vielleicht will sie General der Staatssicherheit werden.
Frage:
Kann so eine Äußerung auch daher rühren, das die Menschen nach 1989 vergessen haben, was in der DDR tatsächlich passiert ist?
Kunert:
Das glaube ich nicht. Selbst im künstlerischen Bereich, nehmen Sie nur den Film „Das Leben der Anderen“, wurde doch aussagekräftig über die Stasi informiert. Da ist nichts vergessen worden! Hier scheint eine einzelne Frau ein bestimmtes Problem zu haben.
Frage:
Sie haben in Reden und Interviews darauf hingewiesen, dass viele linke Intellektuelle im Westen über Jahre hinweg die DDR idealisiert haben.
Kunert:
Das stimmt. Und viele idealisieren die Vergangenheit leider immer noch. Aber soweit sind selbst die blindesten DDR-Freunde nicht gegangen. Oder sagen wir es so: Sie haben zumindest nicht offen darüber geredet.
Frage:
Sie meinen, dass viele Politiker insgeheim anders denken, . . .
Kunert:
. . . als sie reden? Gewiss! Und es gibt Politiker, die persönliche Probleme bekommen, wenn sich die Weltordnung ändert. Ich denke da z. B. an den Hamburger Politiker Peter Schütt. Der war beim SDS, später in der Führung der DKP. Nach dem Ende der DDR hat er sich medienwirksam vom Kommunismus verabschiedet. Jetzt ist er engagierter Muslim geworden. Von einem Extrem ins andere: Es gibt viele psychisch labile Menschen.