Altenoythe - Es war Sommer 2014, als Sufyan Al-Qaisi den Entschluss fasste, seine Heimat zu verlassen. Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) war bis vor die Tore seines irakischen Heimatortes in der Provinz Diyala vorgerückt und legte die Häuser in nur einer Nacht in Schutt und Asche. Auch das Zimmer von Sufyan ist völlig zerstört worden. „Es war vier Uhr morgens. Es war sehr laut und ich suchte schnell Schutz unter einem Tisch“, erzählt der 36-Jährige im NWZ -Gespräch. Am nächsten Morgen begriff er das Ausmaß des Angriffs. Kein Stein lag mehr auf dem anderen. Der ganze Ort vernichtet. Strom- und Gasversorgung gekappt.
Während sich seine Eltern auf den Weg in eine benachbarte Stadt machten, packte Sufyan einen kleinen Rucksack mit den nötigsten Dingen, nahm seine Jacke, verabschiedete sich von seinen Eltern und zog zu Fuß los. Ziel: Deutschland.
Der Abschied von seiner Familie sei ihm sehr schwer gefallen und seine Eltern hätten große Angst um ihn gehabt. Aber der studierte Informatiker sah durch den Terror in dem Land keine Zukunft für sich. Mehr noch. Er fürchtete um sein Leben.
Seine Flucht führte ihn tausende Kilometer weit. Zu Fuß, mit Bus und Bahn ließ er neben Irak auch Länder wie Jordanien, Türkei und Griechenland hinter sich. Ein Jahr und drei Monate war er alleine unterwegs, als er im November 2015 Deutschland erreichte. Erste Station war ein Flüchtlingscamp in Dortmund. Dann ging es zur Anmeldung und Abgabe der Fingerabdrücke nach Bramsche. Zehn Tage später stand er mit dem Status „Asylsuchend“ am Bahnhof von Cloppenburg. Und dort standen auch Alfons von Garrel und Fadi Constantin, die ihn schon erwartet hatten. Sie brachten ihn in seine neue Heimat, die seit einem Jahr Altenoythe heißt.
„Ich fühle mich hier sehr wohl und frei und möchte am liebsten auch in Altenoythe bleiben“, sagt Sufyan. Er lebt hier zwar sehr beengt – er teilt sich mit neun weiteren Landsleuten eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung –, doch das mache ihm nicht viel aus. Im Gegensatz zu so manch anderem Flüchtling geht er nämlich viel raus und sucht Kontakt zu Einheimischen.
Innerhalb eines Jahres hat er sich zudem profunde Deutschkenntnisse angeeignet. Er machte auch schon ein Praktikum in einem Elektrofachgeschäft. Aber für ihn das Wichtigste: „Ich habe hier Freunde gefunden.“ Dazu zählt er zum Beispiel Ulla Lindemann und Barbara Hardenberg, die er über das Bildungswerk kennengelernt hat. Sie sind für ihn „große, schöne Geschenke“ und auch „seine Engel“. „Sie sind immer für mich da und helfen mir. Das werde ich ihnen nie vergessen“, freut sich der 36–jährige. Mit den beiden Frauen geht er sogar zum Yoga, verrät er schmunzelnd.
Einen guten Freund habe er auch in Alexander Galimow gefunden. Er und seine Familie stünden ihm ebenfalls immer mit Rat und Tat zur Seite. Danken für die freundliche Aufnahme möchte er auch Alfons und Marianne von Garrel, Fadi und Rita Constantin sowie Jutta Merchiers. Und den Fußballern vom SV Altenoythe. Fußball ist nämlich seine Leidenschaft und er darf bei der dritten Herrenmannschaft mittrainieren. „Ich hoffe, bald einen Spielerpass zu bekommen, dann kann ich endlich richtig mitspielen“, sagt Sufyan.
Und wenn er Ruhe sucht, dann geht er auf den Altenoyther Esch, seinen Lieblingsplatz, und genießt die neu gewonnene Freiheit.
Gerne würde er in Altenoythe richtig Fuß fassen. Doch er weiß nicht, wie es weitergeht, ob sein Asylantrag angenommen wird. „Die Ungewissheit ist groß“, sagt er. Also muss er warten, warten, warten.
