DEN HAAG - Etwas nervös scheint Radovan Karadzic zu sein, als er nach zwölfjähriger Flucht nun doch noch auf der Anklagebank in Den Haag sitzen muss. Manchmal schiebt er seine Lippen gegeneinander, etwas unruhig schweift der Blick noch durch den Raum, in dem er in den nächsten Jahren jede Holzleiste kennenlernen wird. Aber er antwortet konzentriert, mit deutlicher Stimme, bleibt – wie Richter Alphons Orie es vormacht – höflich und korrekt.

Sogar ein Lächeln huscht ab und zu über sein Gesicht. So, als er auf die Frage, ob noch Familienangehörige von seiner Auslieferung nach Den Haag unterrichtet werden müssen, antwortet: „Ich glaube, es gibt niemanden mehr, der nicht weiß, dass ich jetzt hier bin.“ Vor dem trutzigen Gerichtsgebäude stehen Dutzende Fernsehsender, die seit Tagen über Karadzic berichten.

Das von manchen erwartete Spektakel allerdings bleibt aus. Karadzic nutzt seinen Auftritt keineswegs für einen serbisch-nationalistischen Rundumschlag, wie es der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic bei seinem Prozessauftakt vor sieben Jahren vormachte. Da wurde sogar sein Mikrofon abgeschaltet. Milosevic starb im März 2006 noch vor einem Urteilsspruch. Auf seinem Platz sitzt nun Karadzic, der einstige Verbündete, den er aber fallen ließ, weil dieser das gemeinsame Ziel von „Großserbien“ doch allzu rücksichtslos verfolgte. Oder Vojislav Seselj, der großserbische Hetzer, der auch dreimal pro Woche in diesem Saal sitzt. Mit Vorliebe versucht der Jurist mit spitzfindigen Tricks die Richter zur Weißglut zu treiben.

Nichts dergleichen ist von Karadzic zu hören. Der „Schlächter vom Balkan“, unter dessen Regie Tausende nicht-serbische Bosnier, oft auf unsägliche Weise, umgebracht wurden – hier gibt er den Gentleman.

Auch mit dem skurrilen und rauschebärtigen Wunderdoktor, als der er nach seiner Verhaftung bekannt wurde, will Karadzic wohl nichts mehr gemein haben. Nach seiner letzten Adresse gefragt, nennt er zunächst die in seiner bosnischen Heimatstadt Pale. Und dann freimütig die Juri-Gagarin-Straße in Belgrad – „in meiner anderen Identität“. Etwas seltsam ist nur seine Antwort, ob er einen Anwalt haben will: „Ich habe einen unsichtbaren Berater.“ Richter Orie verzieht keine Miene und weist den Angeklagten trocken darauf hin, dass ihm außer diesem auch ein Rechtsbeistand im Saal zustehe.

Karadzic gegenüber sitzt noch ein Neuling: Chefankläger Serge Brammertz hat es sich nicht nehmen lassen, selbst die Robe anzuziehen. Er ist seit Januar im Amt, hat aber bislang vor allem nach innen gewirkt. Viel zu tun hat er hier nicht. Er bestätigt, dass die Anklage noch überarbeitet wird. Schwierige Fragen überlässt er seinem routinierten Staatsanwalt Alan Tiger, der wohl auch künftig die Hauptlast übernehmen wird. Bislang hatten er und seine Kollegen mit noch keiner ihrer Völkermord-Anklagen Erfolg. Dieser Prozess wird die nächste Herausforderung.