London - Ihm sei, unterstrich David Cameron, das Vereinigte Königreich „tausend Mal wichtiger“ als die Europäische Union. „Lassen Sie uns ehrlich sein“, sagte der britische Premierminister jüngst in einem Interview mit der BBC, „es funktioniert nicht so richtig für uns.“ Es ist erstaunlich: Selbst der Regierungschef kann sich vorstellen, sein Land aus der Staatengemeinschaft zu lösen. Es würde ihm „nicht das Herz brechen“, so Cameron, wenn Großbritannien die Europäische Union verlassen würde.
Es könnte bald so weit sein: Das Königreich schlittert dem Austritt entgegen. Sollten die Konservativen die nächste Wahl im Mai 2015 gewinnen, haben sie versprochen, ein Referendum über den Verbleib in der EU anzusetzen. Eine mehrheitlich euroskeptische Bevölkerung wird sich dann vielleicht nicht die Chance entgehen lassen wollen, Brüssel zu entkommen.
Und das wäre eine mittlere Katastrophe. Ohne die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, ohne den Champion für Haushaltsdisziplin, Marktwirtschaft und mehr Subsidiarität in Europa und ohne ein Land, das auf der internationalen Bühne erheblichen Einfluss hat, wäre die EU ärmer.
Auch in Labour hat Europa keinen großen Fürsprecher. Zwar ist die größte Oppositionspartei grundsätzlich pro-europäisch eingestellt, hat aber ebenfalls ein Referendum in Aussicht gestellt. Zudem vertritt Labour-Chef Ed Miliband ähnliche Positionen wie David Cameron, der eine kompromisslose Reformagenda für die EU fordert. Wie der Premier will Miliband das Ziel eines „immer engeren Zusammenschlusses“ in der EU, wie es der Europarat in seiner feierlichen Deklaration von 1983 versprochen hatte, streichen.
Bleiben die Liberaldemokraten. Der Juniorpartner in der Regierungskoalition ist die einzige Partei, die sich offensiv für die europäische Idee einsetzt. „Viele von jenen“, warnte Parteichef Nick Clegg in einer Grundsatzrede, „die für die Repatriierung von Kompetenzen eintreten, sind die gleichen Leute, die uns aus Europa raushaben wollen.“ Die Liberaldemokraten sind heute einsame Rufer in einer Wüste des Euroskeptizismus. Clegg tut sein Bestes, seine Landsleute vor dem Desaster zu warnen, den ein Austritt bedeuten würde. Doch ob ihm die Briten zuhören und Glauben schenken wollen, steht auf einem anderen Blatt.
